Neue Taschenbücher

Sie kam aus MariupolMehrere Romane, die jüngst als Taschenbücher erschienen sind, beschäftigen sich mit den historischen Brüchen  des 20. Jahrhunderts. Natascha Wodin erzählt in dem preisgekrönten „Sie kam aus Mariupol“ von ihrer Familie und lässt die russisch-deutschen Verwerfungen am Beispiel ihrer Mutter lebendig werden.

Anna KimsDie grosse Heimkehr“ führt nach Südkorea und verdeutlicht die wendungsreiche und blutige Geschichte dieses Landes. Dagegen spielt Patrick Devilles biographischer Roman „Äquatoria“ weitgehend im 19. Jahrhundert und erzählt die Geschichte des Abenteurers Pierre Savorgnan de Brazza, der in Afrika zum legendären Entdecker wurde.Ein notwendiges Übel

Die gebürtige Kamerunerin Imbolo Mbue widmet sich in „Das geträumte Land“ den Auswanderern nach Amerika und zeichnet gleichzeitig ein aktuelles Porträt der USA.

Im Krimisektor begeistert uns „Prime Cut“ von Alan Carter: Der Polizist Cato Kwong wurde strafversetzt und muss im australischen Outback einen kniffligen Neustart bewältigen.

Frank Goldammer führt seine Reihe um den Dresdner Ermittler Max Heller weiter: „Vergessene Seelen“ handelt u. a. von den Folgen der Währungsreform 1948.

Die Welt der verschwundenen BerufeUnd Abir Mukherjee legt den zweiten Fall um den Ermittler Sam Wyndham vor. In „Ein notwendiges Übel“ schlägt er sich wieder mit den Widrigkeiten der englisch-indischen Kolonialära herum.

Ein neuer Ross Thomas aus der wunderbaren Edition des Alexander-Verlags ist gerade erschienen: „Dann sei wenigstens vorsichtig“.

Und schließlich lädt die Neuauflage von Rudi Pallas bahnbrechendem Lexikon „Die Welt der verschwundenen Berufe“ zum lustvollen Schmökern ein. Viel Vergnügen wünsche ich dabei!

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Björn Berge

Das Sammeln von Briefmarken ist irgendwie aus der Mode gekommen. Wer jagt heutzutage noch hinter seltenen Exemplaren her und verbringt seine Freizeit auf Philatelie-Messen? Der Norweger Björn Berge ist ein Vertreter dieser aussterbenden Spezies und gewährt uns Einblicke in seine ganz besondere Sammlung.
Atlas der verschwundenen Länder

Im „Atlas der verschwundenen Länder“ erzählt er Kurioses aus der Weltgeschichte anhand 50 ausgewählter Exemplare. Hier geht es um Landstriche, die irgendwann Marken in Umlauf brachten und damit die eigene Souveränität betonen wollten.

Viele Episoden des Bandes spielen sich in der reichlich unübersichtlichen Kolonialwelt des 19. Jahrhunderts ab. Da gab es so manchen Abenteurer und Hochstapler, der sich an die Spitze eines eigenen Landes setzte und als Alleinherrscher feiern ließ. Wie zum Beispiel der gebürtige Rumäne Julius Popper, der sich Ende des 19. Jahrhunderts zum Diktator von Feuerland aufschwang. Immense Goldfunde sorgten für einen wahnwitzigen Reichtum, der Popper übermütig werden ließ: Die geplante Antarktis-Expedition endete mit seinem überraschenden Tod im Alter von 35 Jahren. Die genauen Todesumstände konnten nie geklärt werden, wahrscheinlich wurde Popper von einem seiner zahlreichen Feinde vergiftet.

Und so erzählt Berge lauter verblüffende Geschichten, die selbst den historisch versierten Leser zu überraschen vermögen. Angereichert wird das Ganze mit zeitgenössischen Zitaten, Buch- und Filmtipps sowie ausgewählten Kochrezepten.

Ein dickes Lob gebührt auch dtv, ist dieser Atlas doch ein haptischer Hochgenuss. Das Querformat erinnert nicht zufällig an die klassischen Briefmarkenalben, und so blättert man durch einen anregenden Band, der selbst ausgewiesene Markenmuffel in Postwertzeichenfans verwandeln kann.

Berge, Björn: Atlas der verschwundenen Länder (dtv) 26€

 

Anthony Horowitz

Die Morde von Pye HallBei gewissen Büchern denkt der oder die Lesende unweigerlich, dass der Autor bei der Niederschrift des Ganzen einen Heidenspaß gehabt haben muss. So wird es wohl auch bei Anthony Horowitz‘ Roman „Die Morde von Pye Hall“ gewesen sein.

Starautor Alan Conway ist tot, er stürzte vom Turm seines Landgutes. Wurde da etwa nachgeholfen? Seine Lektorin Susan Ryeland begibt sich auf Spurensuche, zumal die letzten Kapitel des Krimis „Morde von Pye Hall“ verschwunden sind. Der Fall entwickelt sein Eigenleben und stürzt die wackere Verlagsfrau von einer Kalamität in die nächste…

Mit diebischem Vergnügen wirft Anthony Horowitz einen Blick hinter die spezielle Verlagswelt und ist sich nicht zu schade, einen wahrhaft unsympathischen Krimiautoren agieren zu lassen. Dieser Conway hat Ambitionen und möchte als seriöser Autor reüssieren. Seine literarische Abrechnung „Die Rutsche“ wurde aber nie veröffentlicht. Hat dieser Umstand möglicherweise etwas mit dem Tod des Schriftstellers zu tun?

Erfreulicherweise können wir hier auch den letzten Conway-Krimi, der als Roman im Roman fungiert, lesen. Horowitz beglückt uns mit einem klassischen Whodunit, der in einem englischen Landstrich der 50er Jahre spielt und alle Ingredienzen eines Agatha-Christie-Romans auffährt. Da gibt es den sympathischen Ermittler Atticus Pünd (ein Deutsch-Grieche), einen herrischen Adligen, seinen verdächtigen Gärtner sowie eine missgünstige Haushälterin, deren Todessturz von der Treppe (war es Mord?) eine irrwitzige Spurensuche auslöst.

Und auch aus dem unausgegorenen Conway-Roman „Die Rutsche“, in welchem ein unausstehlicher Adliger namens Quentin Trump (!) sein Unwesen treibt, wird zitiert.

Ich brauche wohl nicht zu erwähnen, dass Mister Horowitz diverse Anspielungen, falsche Fährten und literarische Spielereien aufgefahren hat, dass es eine wahre Freude ist. So bleibt nur eine Frage unbeantwortet: Wer ist sympathischer, Atticus Pünd oder Anthony Horowitz? Entscheiden Sie selbst!

Horowitz, Anthony: Die Morde von Pye Hall (Insel Verlag) 24€

Bruno Preisendörfer

Die Verwandlung der DingeBruno Preisendörfer ist einer der geistreichsten Sachbuchautoren unserer Tage. Das hat er schon mit seinen Bestsellern „Als unser Deutsch erfunden wurde“ (über die Lutherzeit) und „Als Deutschland noch nicht Deutschland war“ (über die Goethezeit) bewiesen. Da reiste er zurück in große Epochen unserer Geschichte und berichtete als Zeitreisereporter vor Ort.

Auch „Die Verwandlung der Dinge“ versetzt uns in versunkene Welten. Preisendörfer erzählt hier die Geschichte von Alltagsgegenständen, mit denen er (Jahrgang 1957) aufgewachsen ist und die sich seit seinen Kindertagen verändert haben oder ganz verschwunden sind.

So geht es hier um Rechenschieber, Federhalter und Schreibmaschinen (herkömmliche und elektronische). Und die Kommunikation per Telefon (ein schönes Exemplar ist auf dem Buchcover abgebildet) wird thematisiert. Die Verbreitung von häuslichen Telefonanschlüssen nahm in den 60er Jahren deutlich zu, um dann wieder abzuebben. Die Post reagierte mit einem Werbeslogan, der in unserer Handywelt etwas unwirklich erscheint: „Ruf doch mal an!

Auch Preisendörfers Erlebnisse mit Computern aller Art sind eine erfreuliche Sache für sich. Was hat man sich früher in Unkosten gestürzt, um hässliche Rechner zu erwerben, die damals als der letzte Schrei galten.

Und auch der Musikfreund kommt hier voll auf seine Kosten: Schallplatte, Compact Disc, Walkman und Konsorten. Preisendörfer hat die technologischen Evolutionsstufen alle mitgemacht (und teilweise ganz schön unter ihnen gelitten).

Kurz und knapp: „Die Verwandlung der Dinge“ ist ein herrliches Werk, das man nicht missen möchte.

Ich bin ja eher skeptisch, ob ich jemals eine Zeitreisemaschine besteigen werde. Falls doch, werde ich auf die Begleitung durch Herrn Preisendörfer bestehen.

Preisendörfer, Bruno: Die Verwandlung der Dinge (Galiani Berlin) 20€

 

 

 

 

 

Celeste Ng

Kleine Feuer überallCeleste Ng (sprich: Ing), 1980 in Pittsburgh geboren, zählt zu den aufregendsten neuen Stimmen der amerikanischen Literatur. Das zeigte schon ihr furioser Erstling „Was ich euch nicht erzählte„. Auch ihr neuer Roman „Kleine Feuer überall“ ist ein aufregendes Leseabenteuer, das man nicht so schnell vergisst.

Das Haus der Richardsons brennt lichterloh. Zwar ist niemand verletzt worden, doch die Familie steht begreiflicherweise unter Schock, zumal alle Indizien auf Brandstiftung hindeuten. Außerdem ist die jüngste Tochter Izzy spurlos verschwunden. Könnte sie  den Brand gelegt und das allgemeine Durcheinander zu ihrer Flucht genutzt haben?

Celeste Ng blendet zurück und entwickelt ihren Plot mit entwaffnender Geradlinigkeit. Es geht dabei nicht nur um die vier Kinder des Hauses, die alle noch zur Schule gehen und unterschiedlichste Ziele verfolgen. Die eigentlichen Helden des Geschehens sind Pearl Warren und ihre Mutter Mia, welche als alleinerziehende Mutter und Künstlerin mit ihrer Tochter von Ort zu Ort zieht. In Shaker Heights, einem wohlhabenden Vorort von Cleveland, angekommen, werden sie Untermieter der Richardsons – und deren Familiengefüge auf fatale Weise verändern.

Es ist geradezu bezwingend, wie Celeste Ng ihr Personaltableau agieren lässt und dabei auch ein Abbild der amerikanischen Gesellschaft zeichnet. „Kleine Feuer überall“ spielt Ende der 90er Jahre und damit zu einer anderen Zeit, in einer anderen Welt. Ein Leben ohne Smartphones oder Facebook mag man sich heutzutage kaum noch vorstellen, es war aber möglich. Celeste Ng ist glücklicherweise keine Nostalgikerin, die Vergangenes in rosaroten Farben malt. „Kleine Feuer überall“ überzeugt als kluges Buch, das scharfsinnig hinter die Kulissen einer amerikanischen Vorzeigegesellschaft, die etliche Risse aufweist, blickt.

Ng, Celeste: Kleine Feuer überall (dtv) 22€

Fußball-WM 2018

daz4edMorgen startet die Fußball-WM in Russland und wirft ihren Schatten voraus.  Gelingt der DFB-Elf die Titelverteidigung und welche Stimmung wird vorherrschen in Putins Riesenreich? Zahlreiche politische Debatten begleiten das Turnier, doch eines dürfte gewiss sein: Rollt erst einmal der Ball, werden alle diese Diskussionen in den Hintergrund treten.

Einige Veröffentlichungen drängen sich als Turnierbegleiter geradezu auf. So legt Michael Horeni eine „Gebrauchsanweisung für die Fußball-Nationalmannschaft vor und schaut dabei hinter die Kulissen der DFB-Elf. Der Autor begleitet diese seit fast 20 Jahren und beschreibt die erfolgreichen Reformen, die nach einigen Pleiten zu den großen Erfolgen unter Jogi Löw geführt haben.

Letzterer ist übrigens mitnichten der erfolgreichste Bundestrainer aller Zeiten. Diese Auszeichnung trägt nach wie vor Helmut Schön, dessen wendungsreiche Lebensgeschichte in Bernd-M. Beyers preisgekrönter Biographie geschildert wird. Schön erfährt hier eine Ehrenrettung, erscheint er doch als mutiger Trainer, der in wichtigen Spielen gerade auf junge Spieler setzte und einen verständnisvollen Umgang mit seinen Kickern pflegte.

Die Brasilianer zählen auch dieses Mal zu den Turnierfavoriten, doch haben sie ihre desaströse Halbfinalniederlage von 2014 verarbeitet? Christian Eichler blickt in „7 zu 1 – Das Jahrhundertspiel“ zurück auf dieses legendäre Match und findet Erklärungen für das unbegreifliche Geschehen auf dem grünen Rasen von Belo Horizonte.

Natürlich darf diese Partie in Eichlers Werk „90“ nicht fehlen. Hier erzählt der daz4edHNV0V870.jpgSportjournalist die Geschichten hinter 90 berühmten Spielen der Fußballhistorie, wobei er erfreulicherweise auch einige vergessene Schlachten aus der Frühgeschichte dieses Sports ins Visier nimmt.

Und schließlich legt der argentinische Karikaturist German Aczel seine persönliche WM-Geschichte vor: „World-Cup 1930-2018“ besticht durch originelle Zeichnungen und gewährt einen Ausblick auf das anstehende Turnier.

Sie sehen: An Lesestoff für die Halbzeitpausen sollte es nicht fehlen!

Ralf Rothmann

daz4edRalf Rothmann zählt zweifellos zu den herausragenden Schriftstellern seiner Generation. Souverän erzählend durchschreitet er die deutsche Geschichte und widmet sich dabei immer wieder den kleinen Helden des Alltags, die es mit den Herausforderungen der Zeitläufe zu tun bekommen.

In „Der Gott jenes Sommers“ geht es um die letzten Monate des 2. Weltkrieges: Die 12-jährige Luisa ist mit Mutter und älterer Schwester aus dem ausgebombten Kiel geflohen. Auf dem Landgut ihres Schwagers Vinzent erlebt das frühreife Mädchen eine Welt, die aus den Fugen gerät: Die letzte Reserve wird als sogenannter Volkssturm an die Front beordert, Flüchtlinge aus dem Osten landen in Schleswig-Holstein und feindliche Bomber fliegen schon tagsüber ihre Angriffe.

Luisa ist eine aufmerksame Beobachterin, welcher die familiären Spannungen nicht verborgen bleiben. Gleichzeitig beginnt sie sich für die Welt der Erwachsenen zu interessieren, doch lauern auch dort Gefahren, von denen sie nichts ahnt.

Ralf Rothmann lotet in seinem Roman die Abgründe des Menschseins aus und schlägt dabei einen Bogen zu den Wirren des Dreißigjährigen Krieges. Und wieder wandelt das Deutsche Reich am Abgrund der Weltgeschichte, Ausgang offen.

Der in Schleswig geborene Rothmann kennt das Landleben wie seine Westentasche, und so schildert er so mitreißend wie realistisch die Geburt eines Kalbes vor den Augen der 12-jährigen. Hier handelt es sich um einen Höhepunkt des Romans, doch es gibt noch andere Ereignisse und Schilderungen, die einen nicht mehr loslassen. „Der Gott jenes Sommers“ ist ein großer, reicher Roman.

Rothmann, Ralf: Der Gott jenes Sommers (Suhrkamp) 22€