Nicholas Searle

978-3-463-40667-1Sie suchen noch einen Krimi für die Urlaubstage? Ich rate zu „Das alte Böse“ von Nicholas Searle.

Dieser perfide Roman beginnt ganz harmlos: Roy ist zwar schon über 80, aber noch rüstig und rege. Über ein Dating-Portal lernt er Betty, eine pensionierte Historikerin, kennen. Die beiden sind sich sympathisch, werden ein Paar und ziehen sogar zusammen. Dabei scheinen der ruppige Roy und die kultivierte Betty nicht recht zueinander zu passen.

Je weiter der Roman voranschreitet, desto mehr erfahren wir über Roys Lebensgeschichte. Er ist weit mehr als ein „guter Lügner“ („The Good Liar“ heißt die englische Originalausgabe) und auch die Bezeichnung „schlimmer Finger“ will nicht so recht passen.

Wir haben es hier mit einem skrupellosen Berufskriminellen zu tun, der von seinem üblen Tun nicht lassen kann und sich als sein letztes Betrugsopfer ausgerechnet Betty ausgesucht hat. Doch diese sollte man nicht unterschätzen, und so nimmt das Ganze eine Wendung, welche den verblüfften Leser nicht wenig überrascht.

Nicholas Searle operiert mit doppelten Böden und fintenreichen Wendungen, welche schließlich ins Deutschland des Jahres 1938 führen. Die ungewöhnliche Mischung aus Polit- und Psychothriller zeichnet „Das gute Böse“ aus und sollte auch den routinierten Krimileser begeistern.

Searle, Nicholas: Das alte Böse (Kindler Verlag) 19,95€

 

 

James Gordon Farrell

978-3-95757-251-6-x160xx400x-1488182435James Gordon Farrell ist einer der größten Autoren des 20. Jahrhunderts – und hierzulande fast unbekannt. Deshalb kann man den rührigen Verlag Matthes & Seitz, der Farrells Meisterwerke erstmals auf Deutsch herausbringt, nicht genug loben.

„Singapur im Würgegriff“ ist der abschließende Band einer Trilogie, welche den Untergang des Empire auf unnachahmliche Weise beschreibt. Walter Blackett ist eine Hauptfigur dieses voluminösen Romans. Er leitet das florierende Handelsunternehmen Blackett & Webb und zählt zu den angesehensten Persönlichkeiten Singapurs.

Blackett ist Geschäftsmann durch und durch, muss sich aber um zwei wichtige Angelegenheiten kümmern: Die Verheiratung seiner eigenwilligen Tochter Joan sowie die Vorbereitung des fünfzigjährigen Firmenjubiläums. Der Direktor versucht alles, um die Dinge in die richtigen Wege zu leiten, verheddert sich dabei aber immer mehr in einem Gespinst aus Schwierigkeiten und Missverständnissen. Und dann kommt ihm auch noch der Ausbruch des Zweiten Weltkriegs dazwischen: Plötzlich stehen die Japaner vor der Tür und beginnen mit der Eroberung Singapurs …

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J.G. Farrell entwirft das Panorama einer untergehenden Gesellschaft, welche die Zeichen der Zeit nicht erkennt. Dabei ist „Singapur im Würgegriff“ nicht nur die minutiöse Darstellung einer historischen Epoche. Man lernt hier auch manches über damalige Wirtschaftsverhältnisse sowie die Irrungen der britischen Militärführung. 

Aber vor allem ist der „Würgegriff“ ein rasend komischer Roman. Unglaublich, welch schrulliges Figurenpersonal hier auftritt und für Verwirrungen sorgt, dass es eine wahre Freude ist. Erwähnt seien nur der ungeratene Sohn Monty Blackett, der schrecklich idealistische Firmenerbe Matthew Webb sowie Francois Dupigny, ein Franzose, den die Weltgeschichte in diesen Teil der Erde verschlagen hat. Und dann ist es auch noch so unerträglich heiß und schwül …

James Gordon Farrell starb im Jahre 1979 im Alter von 44 Jahren, als er beim Angeln von einer Sturmflut erfasst wurde und ertrank. Aber mit seinen wundervollen Werken bleibt er unsterblich – und wird uns auch in Zukunft mit seinen herrlichen Romanen (die man übrigens immer wieder lesen kann) begeistern.

Farrell, James Gordon: Singapur im Würgegriff (Matthes & Seitz Verlag) 30€

Knausgård und Henschel

26117_xlKarl Ove Knausgård ist in aller Munde und das zurecht. Mit „Kämpfen“ liegt nun der abschließende sechste Band seines autobiographischen Projekts vor, und natürlich ist dieses voluminöse Werk ein Ereignis.

Knausgård (Jahrgang 1968) ist schonungslos und radikal, er beobachtet seine Welt nicht als abwägender Diplomat, sondern oftmals als wütender Querkopf, der seine Ruhe haben will. Doch er beobachtet und beschreibt messerscharf und hellsichtig, nichts entgeht seinem Röntgenblick, der sich auch immer wieder auf die eigene Vergangenheit richtet.

Möchte man mit diesem eigenwilligen Norweger stundenlang im steckengebliebenen Fahrstuhl festsitzen? Wohl eher nicht, aber an seinem erstaunlichen Meisterwerk führt kein Weg vorbei.

Bei aller Knausgård-Begeisterung geht ein vergleichbares Romanprojekt etwas unter, obwohl es jede Aufmerksamkeit verdient: Gerhard Henschel schreibt seine fabelhafte Martin-Schlosser-Chronik weiter und legt mit dem „Arbeiterroman“ schon den siebten Band vor.

Sein Held träumt weiter von der Karriere als Schriftsteller, schlägt sich aber mühselig durch die Wirren der späten Achtzigerjahre. Schließlich kommt es zu einigen Nackenschlägen, welche die Schlosser-Welt ins Wanken bringen. Derweil sorgt der Mauerfall für einen nicht unerheblichen Wandel in der deutschen Geschichte …

Gerhard Henschel (Jahrgang 1962) bildet mit seinen Romanen deutsche Zeitgeschichte ab und sorgt dabei immer wieder für wunderbare Wiederentdeckungen. 

15316c191eSprüche, Moden, Torheiten, die man längst in den Kerker des Vergessens weggesperrt hatte, holt Meister Henschel wieder hervor und nimmt uns mit auf eine Zeitreise in die Vergangenheit, die auch nicht viel besser war als die Gegenwart. 

Das Ganze ist komisch, traurig, erregend und erstaunlich – wie das Leben so spielt. Und: Die Chronik ist noch nicht abgeschlossen, Herr Henschel schreibt weiter und sammelt die Fundstücke der Alltagswelt, um daraus Großromane zu basteln. Wünschen wir ihm beste Gesundheit und ein langes Leben, so dass auch wir davon profitieren und uns auch in Zukunft an den unnachahmlichen „Henscheliaden“ erfreuen können.

Autorenportrait Knausgård: © André Loyning
Autorenportrait Henschel: © Jochen Quast

 

 

 

J. L. Carr

csm_9783832198541_7feea53834Der gemeine Fußballfan hat viele Gründe, um sich für seinen Lieblingssport zu begeistern. Die unbestreitbare Tatsache, dass sich in der großen Kickerwelt veritable Wunder ereignen, gehört fraglos dazu. Jeder HSV-Fan (der Verfasser dieser Zeilen ist auch einer) dürfte noch immer beseelt sein von der jüngst stattgefundenen Rettung seines Herzensvereins.

Um ein Fußballwunder geht es auch in dem gerade erschienenen Roman von J. L. Carr: „Wie die Steeple Sinderby Wanderers den Pokal holten“ ist ein modernes Märchen, das im Jahre 1975 erstmals in der englischen Originalausgabe herausgebracht wurde.

Sinderby ist ein verschlafenes Dorf in den Hochmooren von Yorkshire. Hier liegt der Hund begraben und Fuchs und Hase sagen sich gute Nacht. Abwechslung bietet der örtliche Fußballverein, der doch tatsächlich versucht, den berühmten FA-Cup zu gewinnen. Und irrwitzigerweise beginnt ein Erfolgslauf, welcher das unbedeutende Sinderby zum landesweiten Gesprächsthema macht.

J.L. Carr beschreibt auf charmante und vergnügliche Weise das alte englische Dorfleben und erweist sich, wie schon mit seinem Erfolgsroman „Ein Monat auf dem Land“, als Menschenkenner und Menschenfreund.csm_carr_j_l_2_460a88cadd

In Sinderby sind mehrere Exzentriker und Sonderlinge unterwegs, doch eint sie alle der Fußball und die Begeisterung für die Wanderers. Was verständlich ist, der/die Lesende wird gleichsam angesteckt vom Wanderers-Fieber und drückt die Daumen. Und warum auch nicht? „Wunder gibt es immer wieder“ (Katja Epstein), das werden nicht nur HSV-Fans bestätigen. Auch die Literaturfreunde können mit Hilfe dieses Romans in die große Gemeinde der Wundergläubigen überwechseln.

Carr, J.L.: Wie die Steeple Sinderby Wanderers den Pokal holten (DuMont) 20€

Autorenfoto: © Bob Carr

Ulrich Schacht

9783351035860Paris gilt ja gemeinhin als die Stadt der Liebe. Es ist deshalb kein Zufall, dass sich der Held in Ulrich Schachts Roman „Notre Dame“ anno 1990 in die französische Hauptstadt begibt, um dort mit seiner Geliebten Rike einige intensive Tage zu verbringen.

Torben Berg ist ein erfolgreicher Journalist aus Hamburg, glücklich verheiratet und Vater einer Tochter. Der Mauerfall hat für ihn eine besondere Bedeutung, musste doch der damalige Dissident mehrere Jahre in Stasi-Gefängnissen zubringen. Doch die Begegnung mit der jungen Studentin Rike wird für Berg schicksalhaft: Ist ein Zusammenleben mit der Liebe seines Lebens überhaupt möglich?

Schachts Roman führt zurück in die turbulenten Monate der Nachwendezeit, die für Torben Berg, diesen weltgewandten Intellektuellen und wortgewaltigen Lyriker, eine besondere Herausforderung bereithält. Die Begegnung mit Rike ist die berüchtigte „Liebe auf den ersten Blick“, und der lebenserfahrene Journalist wird in seinen Grundfesten erschüttert.

Ulrich Schacht schildert eindringlich die Liebes- und Beziehungsturbulenzen eines besonderen Paares, das an den unterschiedlichsten Herausforderungen zu zerbrechen droht. Doch der Romantiker Berg kämpft verzweifelt um die Liebe, die für ihn auch eine Form der Befreiung symbolisiert. Doch wo genau verläuft die Grenze zwischen Selbstverwirklichung und Egoismus, zwischen Hingabe und Besessenheit?

„Notre Dame“ ist ein kluger Roman, der mit sprachlicher Meisterschaft eine Geschichte erzählt, die einen nicht mehr loslässt. Ulrich Schacht hat hiermit fraglos einen der Höhepunkte des diesjährigen Literaturfrühlings vorgelegt.

Schacht, Ulrich: Notre Dame (Aufbau Verlag) 22€

Jacky Fleming

9783462050240Die Geschichte der Menschheit kann bekanntlich mit vielen dunklen Kapiteln aufwarten. Dazu gehört die Ungleichbehandlung der Frauen, ein Skandal, der noch lange nicht behoben ist.

Es ist der englischen Illustratorin Jacky Fleming zu danken, aus der unerfreulichen Thematik ein schreiend komisches Buch gemacht zu haben: „Das Problem mit den Frauen“ zäumt das Pferd von hinten auf, indem die bekannten Klischees und Vorurteile in Bildern umgesetzt und die  Absurditäten des Ganzen verdeutlicht werden.

Dazu kommt ein belehrender Tonfall, der keinen Zweifel zulässt:

„Früher gab es keine Frauen, deshalb lernt ihr im Geschichtsunterricht auch nichts über sie. Es gab nur Männer, und ziemlich viele waren Genies. Dann gab es doch ein paar Frauen, aber sie hatten sehr kleine Köpfe, weswegen sie zu nichts nütze waren, außer zu Handarbeit und Krocket.“

Selbstverständlich haben die Frauen bei Jacky Fleming winzige Köpfe, die vorzüglich mit ihren voluminösen Röcken harmonieren. Auch die emotionalen Aspekte des Weiblichen bleiben nicht unerwähnt:

„Frauen durften abends das Haus nicht mehr verlassen, weil sie im Dunkeln schlecht sahen. Man konnte sie auch nirgendwohin mitnehmen, da sie immer gleich so emotional wurden. Daher blieben sie meistens drinnen und heulten, manchmal hysterisch.“

Nicht verschwiegen wird auch die Tatsache, dass zahlreiche herausragende Geistesgrößen (alle männlich) zur Förderung weiblicher Unterdrückung beitrugen (es seien hier nur Schopenhauer und Darwin genannt).autor_1897

„Das Problem mit den Frauen“ ist ein wundervolles Buch, und es eignet sich vorzüglich als Geschenk. Falls Sie also noch etwas für den anstehenden Muttertag suchen sollten, dann liegen sie hiermit goldrichtig. Doch auch die Vertreter des angeblich starken Geschlechts sollten unbedingt in Frau Flemings Standardwerk hineinschauen – es wird nicht zu ihrem Schaden sein.

Fleming, Jacky: Das Problem mit den Frauen (KiWi) 12€

Autorinnenfoto: © Kevin Hickson

Neue Taschenbücher

9783746632636Glaubt man den Wetterfröschen, dann dürfte das diesjährige Osterfest eher verregnet daherkommen. Grund genug, um sich im Trockenen gemütlich einzurichten und ganz der Lektüre hinzugeben.

So könnte man zum wundervollen Roman „Der Herr der kleinen Vögel“ von Yoko Ogawa greifen: Es geht um einen schüchternen Herrn, der sich liebevoll um die Vögel in einer großen Voliere kümmert. Doch dann gerät sein geregelter Lebenslauf aus den Fugen …

Man darf die kommenden Tage auch zu „Waugh-Festspielen“ erklären, denn die Meisterwerke „Verfall und Untergang„, „Eine Handvoll Staub“ und „Wiedersehen mit Brideshead“ liegen nun wieder als Taschenbücher vor.

Ein gelungenes Debüt hat Rufi Thorpe vorgelegt: „Ein Sommer in Corona del Mar“ erzählt von den wechselhaften Lebensläufen zweier Freundinnen, die schon auf Ein Jahr auf dem Land von Anna Quindlender Highschool unzertrennlich waren.

Anne QuindlensEin Jahr auf dem Land“ wiederum schildert die Erlebnisse einer New Yorker Fotografin, die 12 Monate in der Provinz verbringen muss und dabei neue Inspirationen sammelt.

Alles Lüge“ ist ein typischer Lottmann-Roman: Der Schriftsteller Lohmer erlebt zwischen Athen, Wien und Berlin manch Erstaunliches und eckt mit seinen Ansichten über Flüchtlinge, AfD und Deutschland im Allgemeinen gehörig an.

Jan Costin Wagner hat sich mit seinen Kriminalromanen einen Namen gemacht. „Sonnenspiegelung“ versammelt Erzählungen, die fesselnd von den Abgründen des Lebens berichten.

Der Krimifan kommt mit Keigo HigashinosBöse Absichten“ auf seine Kosten: Wer hat Bestsellerautor Hidaka in seinem Haus ermordet?

9783869711102Und Agustín Martínez führt uns in „Monteperdido“ in das gleichnamige Pyrenäendorf, in welchem einst zwei Mädchen verschwunden sind – Kommissarin Sara Campos von der Bundespolizei ermittelt.

Meine Wenigkeit wird sich in den nächsten Tagen Bruno Preisendörfer zuwenden, der uns mit „Als Deutschland noch nicht Deutschland war“ auf eine Reise in die Goethezeit schickt. Das sollte den Ausfall des obligaten Osterspaziergangs adäquat ersetzen.

Ich wünsche frohe Ostern und beglückende Lesestunden!