Bruno Preisendörfer

Die Verwandlung der DingeBruno Preisendörfer ist einer der geistreichsten Sachbuchautoren unserer Tage. Das hat er schon mit seinen Bestsellern „Als unser Deutsch erfunden wurde“ (über die Lutherzeit) und „Als Deutschland noch nicht Deutschland war“ (über die Goethezeit) bewiesen. Da reiste er zurück in große Epochen unserer Geschichte und berichtete als Zeitreisereporter vor Ort.

Auch „Die Verwandlung der Dinge“ versetzt uns in versunkene Welten. Preisendörfer erzählt hier die Geschichte von Alltagsgegenständen, mit denen er (Jahrgang 1957) aufgewachsen ist und die sich seit seinen Kindertagen verändert haben oder ganz verschwunden sind.

So geht es hier um Rechenschieber, Federhalter und Schreibmaschinen (herkömmliche und elektronische). Und die Kommunikation per Telefon (ein schönes Exemplar ist auf dem Buchcover abgebildet) wird thematisiert. Die Verbreitung von häuslichen Telefonanschlüssen nahm in den 60er Jahren deutlich zu, um dann wieder abzuebben. Die Post reagierte mit einem Werbeslogan, der in unserer Handywelt etwas unwirklich erscheint: „Ruf doch mal an!

Auch Preisendörfers Erlebnisse mit Computern aller Art sind eine erfreuliche Sache für sich. Was hat man sich früher in Unkosten gestürzt, um hässliche Rechner zu erwerben, die damals als der letzte Schrei galten.

Und auch der Musikfreund kommt hier voll auf seine Kosten: Schallplatte, Compact Disc, Walkman und Konsorten. Preisendörfer hat die technologischen Evolutionsstufen alle mitgemacht (und teilweise ganz schön unter ihnen gelitten).

Kurz und knapp: „Die Verwandlung der Dinge“ ist ein herrliches Werk, das man nicht missen möchte.

Ich bin ja eher skeptisch, ob ich jemals eine Zeitreisemaschine besteigen werde. Falls doch, werde ich auf die Begleitung durch Herrn Preisendörfer bestehen.

Preisendörfer, Bruno: Die Verwandlung der Dinge (Galiani Berlin) 20€

 

 

 

 

 

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Celeste Ng

Kleine Feuer überallCeleste Ng (sprich: Ing), 1980 in Pittsburgh geboren, zählt zu den aufregendsten neuen Stimmen der amerikanischen Literatur. Das zeigte schon ihr furioser Erstling „Was ich euch nicht erzählte„. Auch ihr neuer Roman „Kleine Feuer überall“ ist ein aufregendes Leseabenteuer, das man nicht so schnell vergisst.

Das Haus der Richardsons brennt lichterloh. Zwar ist niemand verletzt worden, doch die Familie steht begreiflicherweise unter Schock, zumal alle Indizien auf Brandstiftung hindeuten. Außerdem ist die jüngste Tochter Izzy spurlos verschwunden. Könnte sie  den Brand gelegt und das allgemeine Durcheinander zu ihrer Flucht genutzt haben?

Celeste Ng blendet zurück und entwickelt ihren Plot mit entwaffnender Geradlinigkeit. Es geht dabei nicht nur um die vier Kinder des Hauses, die alle noch zur Schule gehen und unterschiedlichste Ziele verfolgen. Die eigentlichen Helden des Geschehens sind Pearl Warren und ihre Mutter Mia, welche als alleinerziehende Mutter und Künstlerin mit ihrer Tochter von Ort zu Ort zieht. In Shaker Heights, einem wohlhabenden Vorort von Cleveland, angekommen, werden sie Untermieter der Richardsons – und deren Familiengefüge auf fatale Weise verändern.

Es ist geradezu bezwingend, wie Celeste Ng ihr Personaltableau agieren lässt und dabei auch ein Abbild der amerikanischen Gesellschaft zeichnet. „Kleine Feuer überall“ spielt Ende der 90er Jahre und damit zu einer anderen Zeit, in einer anderen Welt. Ein Leben ohne Smartphones oder Facebook mag man sich heutzutage kaum noch vorstellen, es war aber möglich. Celeste Ng ist glücklicherweise keine Nostalgikerin, die Vergangenes in rosaroten Farben malt. „Kleine Feuer überall“ überzeugt als kluges Buch, das scharfsinnig hinter die Kulissen einer amerikanischen Vorzeigegesellschaft, die etliche Risse aufweist, blickt.

Ng, Celeste: Kleine Feuer überall (dtv) 22€

Fußball-WM 2018

daz4edMorgen startet die Fußball-WM in Russland und wirft ihren Schatten voraus.  Gelingt der DFB-Elf die Titelverteidigung und welche Stimmung wird vorherrschen in Putins Riesenreich? Zahlreiche politische Debatten begleiten das Turnier, doch eines dürfte gewiss sein: Rollt erst einmal der Ball, werden alle diese Diskussionen in den Hintergrund treten.

Einige Veröffentlichungen drängen sich als Turnierbegleiter geradezu auf. So legt Michael Horeni eine „Gebrauchsanweisung für die Fußball-Nationalmannschaft vor und schaut dabei hinter die Kulissen der DFB-Elf. Der Autor begleitet diese seit fast 20 Jahren und beschreibt die erfolgreichen Reformen, die nach einigen Pleiten zu den großen Erfolgen unter Jogi Löw geführt haben.

Letzterer ist übrigens mitnichten der erfolgreichste Bundestrainer aller Zeiten. Diese Auszeichnung trägt nach wie vor Helmut Schön, dessen wendungsreiche Lebensgeschichte in Bernd-M. Beyers preisgekrönter Biographie geschildert wird. Schön erfährt hier eine Ehrenrettung, erscheint er doch als mutiger Trainer, der in wichtigen Spielen gerade auf junge Spieler setzte und einen verständnisvollen Umgang mit seinen Kickern pflegte.

Die Brasilianer zählen auch dieses Mal zu den Turnierfavoriten, doch haben sie ihre desaströse Halbfinalniederlage von 2014 verarbeitet? Christian Eichler blickt in „7 zu 1 – Das Jahrhundertspiel“ zurück auf dieses legendäre Match und findet Erklärungen für das unbegreifliche Geschehen auf dem grünen Rasen von Belo Horizonte.

Natürlich darf diese Partie in Eichlers Werk „90“ nicht fehlen. Hier erzählt der daz4edHNV0V870.jpgSportjournalist die Geschichten hinter 90 berühmten Spielen der Fußballhistorie, wobei er erfreulicherweise auch einige vergessene Schlachten aus der Frühgeschichte dieses Sports ins Visier nimmt.

Und schließlich legt der argentinische Karikaturist German Aczel seine persönliche WM-Geschichte vor: „World-Cup 1930-2018“ besticht durch originelle Zeichnungen und gewährt einen Ausblick auf das anstehende Turnier.

Sie sehen: An Lesestoff für die Halbzeitpausen sollte es nicht fehlen!

Ralf Rothmann

daz4edRalf Rothmann zählt zweifellos zu den herausragenden Schriftstellern seiner Generation. Souverän erzählend durchschreitet er die deutsche Geschichte und widmet sich dabei immer wieder den kleinen Helden des Alltags, die es mit den Herausforderungen der Zeitläufe zu tun bekommen.

In „Der Gott jenes Sommers“ geht es um die letzten Monate des 2. Weltkrieges: Die 12-jährige Luisa ist mit Mutter und älterer Schwester aus dem ausgebombten Kiel geflohen. Auf dem Landgut ihres Schwagers Vinzent erlebt das frühreife Mädchen eine Welt, die aus den Fugen gerät: Die letzte Reserve wird als sogenannter Volkssturm an die Front beordert, Flüchtlinge aus dem Osten landen in Schleswig-Holstein und feindliche Bomber fliegen schon tagsüber ihre Angriffe.

Luisa ist eine aufmerksame Beobachterin, welcher die familiären Spannungen nicht verborgen bleiben. Gleichzeitig beginnt sie sich für die Welt der Erwachsenen zu interessieren, doch lauern auch dort Gefahren, von denen sie nichts ahnt.

Ralf Rothmann lotet in seinem Roman die Abgründe des Menschseins aus und schlägt dabei einen Bogen zu den Wirren des Dreißigjährigen Krieges. Und wieder wandelt das Deutsche Reich am Abgrund der Weltgeschichte, Ausgang offen.

Der in Schleswig geborene Rothmann kennt das Landleben wie seine Westentasche, und so schildert er so mitreißend wie realistisch die Geburt eines Kalbes vor den Augen der 12-jährigen. Hier handelt es sich um einen Höhepunkt des Romans, doch es gibt noch andere Ereignisse und Schilderungen, die einen nicht mehr loslassen. „Der Gott jenes Sommers“ ist ein großer, reicher Roman.

Rothmann, Ralf: Der Gott jenes Sommers (Suhrkamp) 22€

Naomi Alderman

Die Gabe von Naomi AldermanBekanntlich wird in diesem Jahr der Literaturnobelpreis nicht vergeben. Die zuständige Akademie ist nicht beschlussfähig, nachdem mehrere Mitglieder infolge des Skandals um einen illegal betriebenen Club zurückgetreten sind. Die unappetitliche Affäre hat neben Steuerhinterziehung und Begünstigung auch mehrfache sexuelle Belästigung zu bieten. Die berühmte Me-Too-Bewegung hat damit auch die höchsten literarischen Kreise eingeholt.

Somit kommt „Die Gabe“ von Naomi Alderman zur rechten Zeit: In diesem utopischen Roman beschreibt sie eine neue Welt, die nicht unbedingt als schön zu bezeichnen ist.

Irgendwann in der Zukunft: Einige junge Frauen entdecken verwundert, dass ihnen ein Strang gewachsen ist, mit denen sie elektrische Stromstöße aussenden können. Schnell verbreitet sich die Neuigkeit auf der ganzen Welt: Überall weisen die weiblichen Neugeborenen besagten Strang auf. Unruhen brechen aus und stellen die traditionellen (männerdominierten) politischen Systeme in Frage. Übernehmen Frauen nun sogar im Iran und in Saudi-Arabien die Herrschaft?

Die Gabe“ mischt sich kraftvoll ein in die Debatte um Machtverhältnisse und die Unterdrückung der Frauen. Aldermans Blick auf die Welt von Morgen ist scharfsinnig und originell. Wir haben es hier keineswegs mit einem einseitigen Thesenroman zu tun – „Die Gabe“ funktioniert auch als perfekter Spannungsroman, den man nicht mehr aus der Hand legen kann.

Und falls die Nobelpreisakademie irgendwann wieder mehrheitsfähig ist, hätte ich einen Vorschlag: Margaret Atwood, welche „Die Gabe“ in höchsten Tönen lobt, hat den Preis schon lange verdient.

Alderman, Naomi: Die Gabe (Heyne) 16,99€

Sinclair Lewis

Main Street von Sinclair LewisSinclair Lewis zählte lange Zeit zu den vergessenen Klassikern des 20. Jahrhunderts. Doch plötzlich war der Nobelpreisträger des Jahres 1930 wieder im Gespräch: Sein Roman „Das ist bei uns nicht möglich“ (im vergangenen Jahr bei Aufbau wieder aufgelegt) erzählt die Geschichte eines großmäuligen Politikers, der doch tatsächlich zum amerikanischen Präsidenten gewählt wird und eine veritable Terrorherrschaft installiert.

Die scharfe Satire, 1936 erstmals erschienen, wirkte wie ein Kommentar zur aktuellen politischen Situation in den Staaten. Lewis lesen lohnt sich: Der Manesse Verlag hat nun dankenswerterweise neben „Babbit“ auch das Frühwerk „Main Street“ wieder im Programm.

Mit „Main Street“ gelang Lewis 1920 der Durchbruch: Er porträtiert hier eine typische amerikanische Kleinstadt („Gopher Prairie, Minnesota“), in welche es die junge Carol Kennicott nach ihrer Heirat verschlägt. Carol ist entsetzt von der hinterwäldlerischen Enge ihrer neuen Heimat und setzt sich enthusiastisch für Reformen ein. Die Provinzler erweisen sich jedoch als renitent und lehnen alle fortschrittlichen Ideen kategorisch ab. Doch Carol bleibt hartnäckig und die Dinge nehmen ihren verhängnisvollen Lauf …

Sinclair Lewis kannte das amerikanische Hinterland wie seine Westentasche, war er doch selbst 1885  im öden Landstädtchen Sauk Centre (Minnesota) geboren worden. Man geht deshalb nicht fehl in der Annahme, dass der Autor aus eigenem Erleben schöpfen konnte.Babbitt von Sinclair Lewis

Dabei ist „Main Street“ vielschichtig angelegt: Lewis kritisiert sein Provinzpersonal, sympathisiert aber auch mit den Ländlern, die bei aller Beschränktheit geradeaus und herzlich daherkommen. Und die endlosen Weiten Minnesotas wurden wohl nirgendwo so liebevoll geschildert wie in „Main Street„.

Dieser annähernd 100 Jahre alte Roman hat nichts von seiner Frische und Komik verloren. Und so kann man Sinclair Lewis nach wie vor als DEN Chronisten der amerikanischen Mittelschicht bezeichnen, schilderte er doch Verhältnisse, die in vielfacher Hinsicht immer noch aktuell sind.

Lewis, Sinclair: Main Street (Manesse) 28€

Lewis, Sinclair: Das ist bei uns nicht möglich (Aufbau Verlag) 24€

Lewis, Sinclair: Babbitt (Manesse) 28€

Klaus Modick

9783462051568Klaus Modick kann man mit Fug und Recht als Spezialisten für Künstlerromane bezeichnen. Sowohl „Sunset“ (über Brecht und Feuchtwanger) als auch „Konzert ohne Dichter“ (über Rilke und die Worpsweder Maler) sind meisterliche Porträts voller Ironie und Hintersinn.

Erfreulicherweise widmet sich „der Oldenburger“ in seinem neuen Werk  einem lange vergessenen Schriftsteller: Eduard von Keyserling, Schöpfer impressionistischer Kunststücke wie „Wellen„, „Schwüle Tage“ oder „Fürstinnen„, erlebt hier eine verdiente Wiederauferstehung.

Bei Modick ist der Graf ein noch unbekannter Autor, der sich in München mit zwei Schwestern eine Wohnung teilt und zur Schwabinger Künstlerszene gehört. Während einer Sommerfrische anno 1901 wird er von Lovis Corinth dazu überredet, für ihn Modell zu sitzen – das fertige Porträt zeigt einen verlebten Dandy von erstaunlicher Hässlichkeit.

Welches Geheimnis trägt dieser Melancholiker aus altem baltischen Adel mit sich herum? Modick gelingt es, den Vorhang zu lüften: Er schildert eine Affäre, welche das Leben des noch jugendlichen Grafen für immer verändern sollte …

Es ist eine wahre Freude, mit welcher Souveränität sich Modick in die Keyserlingsche Welt hineinversetzt. Sofort ist man verliebt in einen traurigen Helden, der den alltäglichen Verdrießlichkeiten zu trotzen versucht und dennoch von der Vergeblichkeit allen menschlichen Tuns überzeugt ist.

autor_1590Sehr anschaulich kommt auch die Münchener Künstlerwelt zu ihrem Recht. So sind die Auftritte des exzentrischen Frank Wedekind komische Höhepunkte eines wahrlich gelungenen Romans.

Das Ganze ist natürlich auch als Einladung zu verstehen, den großen Schriftsteller Keyserling wieder zu entdecken. Greifen Sie also nach der Modick-Lektüre zu den Meisterwerken des alten Balten – Sie werden es nicht bereuen!

Modick, Klaus: Keyserlings Geheimnis (Kiepenheuer & Witsch) 20€

Foto: © Isolde Ohlbaum