Michael Roes

daz4edFriedrich II. von Preußen, gemeinhin „der Große“ genannt, hatte ein veritables Vaterproblem. Das Verhältnis zu Friedrich Wilhelm I. war überaus gespannt. Der musisch veranlagte Kronprinz konnte es dem strengen „Soldatenkönig“ nie recht machen, wurde immer wieder vom verständnislosen Vater gedemütigt und sogar tätlich angegriffen.

Die Auseinandersetzung eskalierte im Frühjahr 1730: Friedrich plante die Flucht, welche ihn über Frankreich nach England führen sollte. Die Unternehmung flog auf, der Kronprinz kam zu Küstrin in Festungshaft und der mit ihm befreundete Leutnant Hans Hermann von Katte wurde als Mitwisser verhaftet.

Friedrich Wilhelm I. kannte keine Gnade: Er akzeptierte das Urteil des preußischen Kriegsgerichts (lebenslange Festungshaft wegen Desertion) nicht und forderte die Todesstrafe. Und so kam es schließlich am 6. November 1730 in Küstrin zur Enthauptung Kattes vor den Augen des gefangen gesetzten Friedrich.

Doch wer war eigentlich dieser Katte? In seinem historischen Roman „Zeithain“ läßt Michael Roes seinen tragischen Helden selbst zu Wort kommen. Dieser beschreibt eine freudlose Kindheit als Sohn eines gestrengen preußischen Offiziers, der seinen Sprössling unbedingt für den Kriegsdienst vorbereiten wollte. Dazu diente auch der Unterricht in der pietistischen Lehranstalt zu Halle. Atmosphärisch dicht schildert Roes die dortigen Erziehungsmethoden, die den heutigen Leser nicht selten erschauern lassen.

Katte endet gegen seinen Willen in der preußischen Armee, der öde Dienst an der Waffe kann den musisch Interessierten aber nie ausfüllen. Und so nimmt das Unglück seinen Lauf: Katte freundet sich mit dem jungen Kronprinzen an, beeindruckt diesen durch seine Weltläufigkeit und wird zu einer Art Mentor des unglücklichen Prinzen. Doch diese Freundschaft wird böse enden…

Zeithain“ ist ein großer Roman, der mit Fabulierlust und historischer Genauigkeit eine untergegangene Welt neu erschafft. Das von dieser meist nur Bruchstücke übrig geblieben sind, das erfährt ein später Nachfahre Kattes, der sich auf Spurensuche begibt und meist nur Leerstellen vorfindet, wo sich einst ein menschliches Drama abspielte.

Zeithain“ ist somit auch ein Kommentar über die Macht der Geschichte und zeittypische Umstände, die einen ins Verderben stürzen können. Katte erscheint dabei als ein Vertreter der Moderne, der sich selbst und seine Umwelt permanent in Frage stellt und auch aus diesem Grund den höchsten Preis dafür zu zahlen hat.

Roes, Michael: Zeithain (Schoeffling + Co.) 28€

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Richard Ford

daz4edRichard Ford gehört ohne jede Frage zu den herausragenden Autoren seiner Generation. Seine Romane durchleuchten die amerikanische Gesellschaft, indem sie typische Vertreter der Mittelklasse in ihren alltäglichen Nöten und Abenteuern porträtieren. Einfühlsamkeit, leise Komik und eine genaue Beobachtungsgabe zeichnen seine Arbeiten aus.

Fords neuestes Werk ist auch sein persönlichstes Buch. In „Zwischen ihnen“ porträtiert er so einfühlsam wie geistreich seine Eltern. Edna Akin und Parker Ford begegneten sich Ende der Zwanziger Jahre. Nach der Hochzeit führten sie ein rechtes Wanderleben – Parker war Handlungsreisender, seine Frau begleitete ihn bei seinen Verkaufsfahrten durch den amerikanischen Süden.

Die beiden rechneten nicht mehr mit Nachwuchs, als Richard anno 1944 die Welt erblickte. Dieses sorgte für einen Einschnitt im Familienleben. Während der Vater seine Touren fortsetzte und erst Freitag abends zurückkehrte, hütete seine Frau das Heim und kümmerte sich um die Erziehung des Sohnes.

Ford erzählt hier auch eine typische Aufsteigergeschichte. Sein Vater verdiente gut und konnte sich schließlich den Traum vom Eigenheim nebst dazu passendem Automobil erfüllen. Doch liegt das Interesse des Erzählers vor allem beim Innenleben der elterlichen Beziehung. Es war offenbar eine Liebesgeschichte, die bis zum frühen Tod des Vaters im Jahre 1960 anhielt.

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Zwischen ihnen“ ist ein kleines Meisterwerk. Souverän erzählt Ford seine Familiengeschichte, ohne sich jemals in den Vordergrund zu stellen. Die hier angestellten Überlegungen über ganz normale Familienverhältnisse berühren und bereichern zugleich. Und der Leser/die Leserin wird unweigerlich nachdenken über die eigene Herkunft, die einen nie loslässt.

Ford, Richard: Zwischen ihnen (Hanser Berlin) 18€

Portrait: © Peter-Andreas Hassiepen

György Dalos

getimageDenken wir heute an Nikolaj den Zweiten, so bestimmt natürlich die schreckliche Ermordung des letzten Zaren und seiner Familie die Erinnerung. Die barbarische Tat verstellt etwas den Blick auf den Regenten Nikolaj, der immerhin 23 Jahre lang dem Russischen Reich vorstand.

Der ungarische Historiker György Dalos widmet sich in seiner biographischen Studie „Der letzte Zar“ diesem unglücklichen Herrscher, dessen Amtsantritt unter einem schlechten Stern stand. Am Rande der Krönungsfeierlichkeiten kam es nämlich zu einer Massenpanik mit über 1300 Toten und zahlreichen Verletzten. Viele Zeitgenossen deuteten die Katastrophe als schlechtes Omen für die folgenden Regierungsjahre, und tatsächlich erwies sich der neue Regent als ausgesprochen führungsschwach. Im Grunde eher unpolitisch, schwankte Nikolaj zwischen den divergierenden Zielsetzungen seiner politischen Berater und Minister.

Dabei wäre eine entschlossene Führung verbunden mit Reformen dringend nötig gewesen. Das Zarenreich litt an zahlreichen Problemen. Analphabetismus, Korruption, Misswirtschaft und eine rückständige Industriepolitik ließen den Abstand zu den konkurrierenden Großmächten immer größer werden.

Nikolaj war definitiv der falsche Mann am falschen Ort. Schon der verlorene Krieg gegen Japan (1904/1905) brachte die Zarenherrschaft ins Wanken, doch noch einmal setzte sich die autoritäre Staatsgewalt gegen Demonstranten und Widerständler durch.

György Dalos, ungarischer Autor

Dalos‘ Porträt über einen überforderten Zauderer auf dem Zarenthron lässt einen nachdenken über die erstaunlichen Wechselfällen der russischen Geschichte. Könnte es etwa einen größeren Gegensatz geben als den zwischen dem schüchternen und führungsschwachen Nikolaj und dem entschlossenen Berufsrevolutionär Lenin? In jedem Fall ist „Der letzte Zar“ ein höchst lesenswerter Beitrag zu den „Feierlichkeiten“ anlässlich der 100 Jahre zurückliegenden Oktoberrevolution.

Dalos, György: Der letzte Zar (C.H. Beck) 22,95€

Autorenfoto: © Foto: Ekko von Schwichow

Simon Garfield

ARTK_C3D_1018322_0001Neulich war ich mit der Deutschen Bahn unterwegs und verbrachte insgesamt über 11 Stunden auf den Gleisen. So etwas ist wohl nur mit einer angemessenen Lektüre zu bewältigen, und glücklicherweise hatte ich das neueste Buch von Simon Garfield im Gepäck.

Zeitfieber“ untersucht auf inspirierende Weise den menschlichen Umgang mit der tickenden Uhr. So erfahren wir manches über die fehlgeschlagenen Versuche der Franzosen, nach der Revolution von 1789 einen neuen Kalender zu etablieren. Es geht aber auch um neue Arbeitsprozesse in der Industrie, durch die der Begriff „Freizeit“ überhaupt erst in die Welt kam.

Wir lernen außerdem einiges über Beethoven und die Frage, ob sein Taktgefühl noch zeitgemäß ist. Und warum sind Ratgeber übers Zeitmanagement generell fragwürdig?

Garfields Buch ist ist auch deshalb so kurzweilig, weil sein Autor sich selbst in das Innenleben der Uhrenwelt begibt. Er reist also in die Schweiz, wo sich Garfield höchstpersönlich an der Montage einer Taschenuhr versucht und gleichzeitig das besondere Verhältnis der Eidgenossen zu ihren Chronometern erforscht. Und was hat eigentlich die Eisenbahn mit der Festlegung der Standardzeit zu tun?

Zeitfieber“ unterhält und informiert zugleich, und nach der Lektüre scheint sich das eigene Zeitgefühl auf wundersame Weise verändert zu haben.

Sollten Sie sich also demnächst auf ein vielstündiges Abenteuer mit der Deutschen Bahn einlassen, dann habe ich eine dringende Reiseempfehlung: Den Garfield nicht vergessen!

Garfield, Simon: Zeitfieber (Theiss, Konrad) 24,95€

Victor Sebestyen

978-3-87134-165-6In diesem Lutherjahr 2017 gedenken wir nicht nur unentwegt der Reformation, sondern ebenso der demnächst 100 Jahre zurückliegenden Russischen Revolution. Victor Sebestyen, der in Budapest geborene, aber in England aufgewachsene Historiker, hat nun eine neue Biographie über Lenin vorgelegt.

Wer war dieser Wladimir Iljitsch Uljanow wirklich und wie gelang es ihm, gegen alle Widerstände die Macht in Russland zu erringen und die jahrzehntelang unangefochtene Herrschaft der Kommunistischen Partei zu begründen?

Sebestyen beschreibt eine atemraubende Biographie, die sich zu großen Teilen im erzwungenen Exil abspielte. Lenin übernahm dank seines Organisationstalents und eines ausgeprägten Machtbewusstseins die Führerrolle der kleinen bolschewistischen Partei. Der unbedingte Glaube an die siegreiche Revolution trieb den unermüdlichen Organisator an, doch schließlich profitierten er und seine Genossen von der katastrophalen Niederlage Russlands im 1. Weltkrieg.

Erst der Zusammenbruch des Zarenreiches machte den Weg frei für die Bolschewisten, die ihren Moment der Geschichte nutzten und die Macht entschlossen an sich rissen. Die folgende autoritäre Staatsführung, die schließlich in die Schreckensherrschaft stalinscher Prägung mündete, war entscheidend das Werk Lenins, der eben auch ein rücksichtsloser Machtpolitiker war.

Victor Sebestyen gelingt es meisterhaft, die schillernde Figur seines „Helden“ in all seinen Facetten zu zeigen. Höchst spannend sind vor allem die Schilderungen der schwierigen Exiljahre in der Schweiz, England und Paris. 

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Dabei kommt man auch dem Menschen Lenin sehr nah. Er war nicht nur ein begnadeter Theoretiker und entschlossener Machtmensch, sondern auch ein durchaus charmanter Zeitgenosse, der innige Freundschaften gerade mit Frauen pflegte. Und wer hätte gedacht, dass der Führer der kommunistischen Arbeiterbewegung ein ausgemachter Naturfreund und passionierter Radfahrer war?

Will man sich näher mit einer der einflussreichsten Gestalten des 20. Jahrhunderts auseinandersetzen, so wird man an dieser geistreichen und elegant geschriebenen Biographie nicht vorbeikommen.

Sebestyen, Victor: Lenin (Rowohlt) 29,95€

Autorenfoto: © Stacey Mutkin

Philipp Blom

978-3-446-25664-4_217727152331-65Wir leben bekanntermaßen in höchst unruhigen Zeiten. Populisten und Wutbürger sind kaum zu stoppen, das westlich-demokratische Politiksystem wird immer häufiger hinterfragt. Wie sieht unsere Zukunft aus und wie können wir sie beeinflussen?

Philipp Blom legt mit seinem Essay „Was auf dem Spiel steht“ eine Analyse unserer Gegenwart vor und wagt den Blick nach vorn. Er sieht die weltweite Finanzkrise von 2008 als eine Art Wendepunkt der Geschichte. Durch die vom Steuerzahler finanzierte Bankenrettung ist das Grundvertrauen in die liberale Marktwirtschaft erschüttert worden.

Der alte Fortschrittsglaube, dass es allen immer besser gehen wird und eine rosarote Zukunft winkt, ist nicht mehr überzeugend. Die Erderwärmung mit ihren Folgen wird das Leben auf unserem Planeten verändern, die fortschreitende Digitalisierung vernichtet Arbeitsplätze und schafft neuen Unfrieden. Die Menschen glauben nicht mehr an die Segnungen des Marktes und wenden sich rechten Demagogen, die das Blaue vom Himmel lügen, zu.

Philipp Blom legt den Finger in die Wunde und hinterfragt liebgewordene Gewissheiten. Kann man das parlamentarisch-demokratische Politiksystem, wie wir es kennen, wirklich als alternativlos ansehen?

Eines ist sicher: Das bisherige kapitalistische Wirtschaftssystem muss sich ändern. Eine Energiepolitik, die entscheidend auf der rücksichtlichen Ausbeutung des Planeten basiert und dem Diktat des steten Wirtschaftswachstums verpflichtet ist, kann nicht zukunftsfähig sein.

Was ist zu tun? Philipp Blom riskiert einen Blick in die Zukunft und zeichnet das Bild einer Welt von morgen, die realistisch und nachhaltig auf die anstehenden Herausforderungen reagiert. Doch warnt er auch eindringlich vor einem „weitermachen wie bisher“, das alles Störende ausblendet und nur destruktiven Egoismus hervorruft.

Wir müssen sofort handeln, denn alles steht auf dem Spiel.

Blom, Philipp: Was auf dem Spiel steht (Hanser Verlag) 20€

Simone Buchholz

46785Auch als Wahlhamburger sollte man für eine gehörige Portion Lokalpatriotismus offen sein. Die Krimiserie von Simone Buchholz, deren siebter Fall „Beton Rouge“ gerade erschienen ist, erfreut unter anderem mit seiner liebevollen Schilderung typisch Hamburger Verhältnisse.

Und auf Chastity Riley können wir eh nicht mehr verzichten: Die überaus unkonventionelle Staatsanwältin bekommt es hier mit einem seltsamen Verbrecher zu tun, welcher die Führungskräfte eines Medienhauses entführt und sie in Käfige sperrt.

Bei ihren Recherchen stößt die Riley auf düstere Geschichten aus rauher Vorzeit, die sich in einem süddeutschen Internat ereignet haben. Und der rätselhafte Fall nimmt seinen Lauf…

Natürlich tritt Chastitys schillernder Freundeskreis wieder auf und entwickelt ein kompliziertes Eigenleben. Und als ein charismatischer LKA-Beamter auf den Plan tritt, gerät das komplizierte Beziehungsgeflecht vollends durcheinander. Da hilft dann nur noch der Griff zur Flasche.14417_buchholz_simone

Ich kann Frau Buchholz gar nicht genug loben für ihre spritzigen, witzigen Krimis. Originelle Kapitelüberschriften („Mutblond unterm Blutmond“, „Generell regnet es Dreck“, „Zwei für die FDP nach Brüssel“) zeichnen „Beton Rouge“ aus. Und höchst erfreulich ist die Idee Nebenfiguren mit den Namen ehemaliger Helden des FC St. Pauli zu versehen (Ippig, Acolatse, Stanislawski). Das kann sogar ein überzeugter HSV-Fan wie der Verfasser dieser Zeilen nur goutieren.

Wir rufen: „Chapeau!“ Und fragen uns bloß, wieso die Serie noch nicht für das Kino entdeckt worden ist. Fatih Akin, bitte übernehmen Sie!

Buchholz, Simone: Beton Rouge (Suhrkamp) 14,95€

Autorinnenportrait: © Achim Multhaupt