Neue Taschenbücher

9783746632636Glaubt man den Wetterfröschen, dann dürfte das diesjährige Osterfest eher verregnet daherkommen. Grund genug, um sich im Trockenen gemütlich einzurichten und ganz der Lektüre hinzugeben.

So könnte man zum wundervollen Roman „Der Herr der kleinen Vögel“ von Yoko Ogawa greifen: Es geht um einen schüchternen Herrn, der sich liebevoll um die Vögel in einer großen Voliere kümmert. Doch dann gerät sein geregelter Lebenslauf aus den Fugen …

Man darf die kommenden Tage auch zu „Waugh-Festspielen“ erklären, denn die Meisterwerke „Verfall und Untergang„, „Eine Handvoll Staub“ und „Wiedersehen mit Brideshead“ liegen nun wieder als Taschenbücher vor.

Ein gelungenes Debüt hat Rufi Thorpe vorgelegt: „Ein Sommer in Corona del Mar“ erzählt von den wechselhaften Lebensläufen zweier Freundinnen, die schon auf Ein Jahr auf dem Land von Anna Quindlender Highschool unzertrennlich waren.

Anne QuindlensEin Jahr auf dem Land“ wiederum schildert die Erlebnisse einer New Yorker Fotografin, die 12 Monate in der Provinz verbringen muss und dabei neue Inspirationen sammelt.

Alles Lüge“ ist ein typischer Lottmann-Roman: Der Schriftsteller Lohmer erlebt zwischen Athen, Wien und Berlin manch Erstaunliches und eckt mit seinen Ansichten über Flüchtlinge, AfD und Deutschland im Allgemeinen gehörig an.

Jan Costin Wagner hat sich mit seinen Kriminalromanen einen Namen gemacht. „Sonnenspiegelung“ versammelt Erzählungen, die fesselnd von den Abgründen des Lebens berichten.

Der Krimifan kommt mit Keigo HigashinosBöse Absichten“ auf seine Kosten: Wer hat Bestsellerautor Hidaka in seinem Haus ermordet?

9783869711102Und Agustín Martínez führt uns in „Monteperdido“ in das gleichnamige Pyrenäendorf, in welchem einst zwei Mädchen verschwunden sind – Kommissarin Sara Campos von der Bundespolizei ermittelt.

Meine Wenigkeit wird sich in den nächsten Tagen Bruno Preisendörfer zuwenden, der uns mit „Als Deutschland noch nicht Deutschland war“ auf eine Reise in die Goethezeit schickt. Das sollte den Ausfall des obligaten Osterspaziergangs adäquat ersetzen.

Ich wünsche frohe Ostern und beglückende Lesestunden!

 

 

Philipp Blom

Blom_25458_MR1.inddDer amtierende amerikanische Präsident behauptete ja mehrfach, dass der „angebliche“ Klimawandel eine Erfindung der Chinesen sei. Vernunftbegabte Zeitgenossen dürften Schwierigkeiten haben, solcherlei Gedankengut nicht als grillenhaft zu bezeichnen, gehören doch Klimaschwankungen zur Geschichte unseres Planeten zwingend dazu.

So zeigt Philipp Bloms neues Buch „Die Welt aus den Angeln“ sehr anschaulich, welche Auswirkungen die sogenannte Kleine Eiszeit von 1570 bis 1700 auf die damalige Welt hatte.

Über die Ursachen der Klimakapriolen streiten die Fachleute noch, die Folgen des Klimawechsels waren jedenfalls dramatisch: Die Winter dauerten länger und waren kälter, die Sommer dagegen kürzer und kühler. Missernten kamen immer häufiger vor, Hungerkatastrophen ereigneten sich auch in Europa.

Dadurch kam es verstärkt zur Landflucht, die immer mächtiger werdenden Städte nahmen viele Bedürftige auf und mussten sich wiederum zwecks Nahrungsbeschaffung um neue Handelswege kümmern. Dadurch wurde der internationale Warenverkehr angeregt.

Wir müssen uns die Zeit von 1570 bis 1700 als eine des Übergangs vorstellen: Die Reformation mit all ihren Folgen beschäftigte immer noch den Kontinent und verursachte schließlich den 30-jährigen Krieg. Die Buchdruckerkunst dagegen revolutionierte die kulturelle Welt.

Philipp Blom beschreibt geistreich und mit stilistischer Eleganz diese historische Epoche, die seltsam zwischen Althergebrachtem und Erneuerung schwankte. Im Schlusskapitel wendet sich der engagierte Autor auch dem aktuellen Klimawandel zu und beschönigt dabei nichts.

„Die Welt aus den Angeln“ ist ein meisterhafter Beitrag zur Klimageschichtsschreibung. Man kann dem Buch nur viele Leser wünschen, ist es doch ein unverzichtbares Vademecum gegen Irrglauben und Verblendung.

Blom, Philipp: Die Welt aus den Angeln (Hanser) 24€

Julian Barnes

9783462048889Julian Barnes zählt fraglos zu den großen Stimmen unserer Zeit und man fragt sich, warum er den längst verdienten Nobelpreis für Literatur noch nicht erhalten hat.

Sein neues Werk „Der Lärm der Zeit“ porträtiert Dimitri Schostakowitsch als sensiblen Künstler, der an den politischen Verhältnissen seiner Zeit verzweifelt. In den Zeiten der Stalinschen Säuberungen von der Verhaftung bedroht, arrangiert sich der berühmte Komponist mit dem kommunistischen Regime. Nach 1945 wird Schostakowitsch im (kapitalistischen) Westen als regimetreuer Parteisoldat wahrgenommen, ohne das Dilemma des von der Politik Bedrängten zu bemerken.

autor_237Schostakowitsch kann sein Heimatland nicht verlassen, er ist viel zu sehr mit seiner russischen Heimat verwurzelt. Doch das Überleben in der Diktatur ist nur mit schmerzhaften Kompromissen möglich. Der eigentlich völlig Unpolitische wird zum Getriebenen, zum Opfer der Diktatur sozialistischer Bauart. Denn in der Sowjetunion ist eine unpolitische Haltung schlichtweg unmöglich: Der unpolitische Individualist ist in den Augen des Regimes ein Widerständler und damit gerade politisch.

Barnes zeigt die Tragik des Einzelnen, der durch die Gleichmacherei des Kommunismus zermahlen wird und doch eigentlich nur Musik erschaffen will. „Der Lärm der Zeit“ ist das einfühlsame Porträt eines musikalischen Genies und eine stimmige Schilderung des Lebens unter diktatorischen Regimen.

Barnes, Julian: Der Lärm der Zeit (Kiepenheuer & Witsch) 20€

© Alan Edwards/f2 2images

Jérôme Leroy

pbFrankreich wird von blutigen Unruhen erschüttert, frustrierte Jugendliche proben den Aufstand, die Staatsmacht schlägt mit aller Härte zurück. Täglich kommen neue Tote hinzu, die Regierung ist hilflos und greift zum letzten Rettungsanker: Die Parteivorsitzende des rechtsextremen Patriotischen Blocks wird zu Verhandlungen eingeladen, die zum Regierungsbeitritt ihrer Bewegung führen sollen.

Dieses Szenario ist reine Fiktion, Ähnlichkeiten mit den aktuellen politischen Verhältnissen in Frankreich sind aber mehr als zufällig: Jérôme Leroy erzählt in seinem Kriminalroman „Der Block“ vom Aufstieg einer radikalen Bewegung, die kurz vor ihrer Etablierung als Regierungspartei steht.

Das Geschehen wird aus der Perspektive zweier „Blockisten“ geschildert: Antoine Maynard, Ehemann der Parteivorsitzenden, wartet gespannt auf das Ergebnis der Verhandlungen, die ihn zum Staatssekretär machen könnten. Derweil versteckt sich sein Freund Stanko vor den eigenen Leuten: Stanko, ein skrupelloser Mörder, hat zu viel Dreck am Stecken und muss beseitigt werden. Doch der alte Kämpfer gibt sich nicht so schnell geschlagen …

„Der Block“ ist atemraubend: Wir hören die Stimmen zweier Extremisten, die unterschiedlicher nicht sein können und dennoch zu Freunden werden. Antoine ist der unangepasste Intellektuelle, ein Schriftsteller und Büchernarr, der seine Umwelt mittels kalter Intelligenz herauszufordern weiß. Doch ist er auch getrieben von inneren Dämonen, die ihn zu brutalen Gewalttaten führen. Hierbei trifft er sich mit dem schwulen Arbeitersohn Stanko, dessen Hassgefühle durch nichts zu bändigen sind.

Leroys Roman ist ein gewagtes Unterfangen, doch gelingt es hier auf beklemmende Weise, den Aufstieg der Rechtsextremen begreifbar zu machen. Indem der Leser quasi in die Hirnwendungen zweier typischer Vertreter der Rechten hineinkriecht, werden die Motive und Antriebskräfte derselben erst deutlich.

„Der Block“ ist ein beklemmender Roman voller Hass und Gewalt, aber auch poetische Szenen und tiefe Gefühle werden überzeugend geschildert. Maynard und Stanko sind keine Abziehbilder, sondern Figuren mit Ecken und Kanten, die einem gelegentlich fast sympathisch sein könnten (aber so weit kommt es dann doch nicht).

Leroys Roman ist herausragend, ein düsterer Kommentar zur französischen Gesellschaft und DER Roman zum gerade stattfindenden Wahlkampf in unserem Nachbarland.

Leroy, Jérôme: Der Block, 19,90€
Edition Nautilus

 

Jonas Lüscher

9783406705311_largeRichard Kraft, der Held in Jonas Lüschers gleichnamigen Roman, ist eine veritable Nervensäge: Der brillante Kopf kann alle und jeden unter den Tisch schwätzen.

Diese Eloquenz hat Kraft zu einer glanzvollen akademischen Karriere inklusive Vorzeigeehe und Traumwohnung verholfen, doch nun steckt er in der Krise: Die Ehe liegt in den letzten Zügen und finanziell klemmt es gewaltig.

Da kommt ein außergewöhnlicher Wettbewerb gerade recht: Der Dotcom-Milliardär Tobias Erkner hat 1 Million Dollar ausgelobt für den Siegesbeitrag, welcher die Preisfrage „warum alles, was ist, gut ist, und warum wir es dennoch verbessern können“ am besten beantwortet.

Kraft begibt sich nach Stanford, um hier seinen Essay zu entwerfen, doch gerät sein Arbeitseifer ins Stocken. Und allmählich wird der sonst so zielstrebige Kraft von argen Selbstzweifeln geplant …

Fruehling der Barbaren von Jonas LuescherJonas Lüscher hat schon mit seiner Novelle „Frühling der Barbaren“ (2013) bewiesen, dass er zu den genauesten Beobachtern seiner Generation zählt. Ein scharfsinniger Blick auf menschliche Peinlichkeiten zeichnet diesen Autor aus, gnadenlos demaskiert er seine seltsamen Figuren.

Schön getroffen sind die Rückblenden in Krafts Berliner Studentenzeit: Der überzeugte Wirtschaftsliberale sorgt da mit seiner Reagan-Begeisterung für allgemeines Kopfschütteln, scheint dann jedoch den wetterwendischen Weltgeist auf seiner Seite zu haben. Doch die Zeiten ändern sich und der verblüffte Kraft wird von weit radikaleren Liberalen rechts und links überholt.

Jonas Lüschers „Kraft“ ist einer der Höhepunkte des Literaturfrühlings, das kleine Meisterstück funkelt geradezu mit seiner Klugheit und Originalität. Lesen Sie Lüscher – schnell!

Lüscher, Jonas: Kraft (C.H.Beck) 19,95€

Jiro Taniguchi

9783551778796Letzten Sonnabend ist der japanische Manga-Zeichner Jiro Taniguchi im Alter von 69 Jahren gestorben. Taniguchi zählt zu den bedeutendsten Mangaka seiner Generation, ist aber in Europa deutlich populärer als in seiner japanischen Heimat.

Das könnte an seinem „europäischen“ Stil liegen: Mit großer Sensibilität schildert er das Leben seiner alltäglichen Helden, die zumeist in Tokio leben. In nüchternem, naturalistischem Zeichenstil verewigt Taniguchi seine Wahlheimat und zeigt die Nöte des modernen Großstadtmenschen.person_39678

Oft geht es um Kindheitserinnerungen, Liebesgeschichten entwickeln sich und vergehen wieder, Begegnungen führen zu Freundschaften oder bleiben folgenlos. Immer ist bei Taniguchi eine leise Melancholie spürbar, herrührend vom Wissen über die Vergeblichkeit menschlichen Handelns.

Welches sind nun die Hauptwerke von Taniguchi? Da ist „Der spazierende Mann“ zu nennen: Hier wird ein ländlich geprägter Vorort gezeigt, in welchem unterschiedlichste Personen herumspazieren. In „Vertraute Fremde“ wird ein Geschäftsmann zurück in die 60er Jahre versetzt und findet sich plötzlich im Körper eines 14-jährigen wieder.

9783551777317_0Auch „Die Sicht der Dinge“ schildert eine Reise zurück in die Kindheit: Die Beerdigung seines Vaters konfrontiert Yoichi mit den Erinnerungen an seine Kindheit und Jugend. Und „Der Gourmet“ (eine Zusammenarbeit mit dem Autor Masayuki Kusumi) ist eine (appetitanregende) Reise durch die Restaurants und Garküchen Tokios und seiner Vororte.

Durch die Bücher von Jiro Taniguchi habe ich den Einstieg in die wundervolle Welt der Mangas gefunden. Seine Werke werden bleiben und in ihrer tiefgründigen Schönheit einen besonderen Platz in der Kunst- und Literaturwelt einnehmen.

Kurt Tucholsky

978-3-499-29033-6Was hätte wohl Kurt Tucholsky zu den derzeitigen Weltereignissen zu sagen? Stoff genug für pointierte politische Einordnungen wäre vorhanden.

Auf Tucholsky als unerbittlichen Kommentator der Gegenwart müssen wir leider verzichten, können uns aber dafür dem Künstler Tucho zuwenden: Erstmals ist „Seifenblasen“ separat erschienen, ein kleiner Text, der lange unveröffentlicht blieb und erst vor einigen Jahren als Teil der voluminösen Gesamtausgabe das Licht der Öffentlichkeit erblickte.

Jetzt liegt das  Kuriosum aus dem Jahre 1931 in seiner ganzen Schönheit vor. Damals erhielt der schon berühmte Schriftsteller den Auftrag, für ein Filmprojekt ein Drehbuch zu schreiben. Tucholsky lieferte umgehend, doch wurde nichts aus der Verfilmung und das Manuskript verschwand in der Versenkung.

Dabei ist der Text ein echter Tucholsky: Die junge Barbara möchte auf der Bühne Karriere machen, ergattert aber nur die Rolle eines Nummerngirls. So gibt sie sich als Damenimitator aus und feiert prompt Triumphe. Doch das Privatleben des umschwärmten Bühnenstars gerät in arge Turbulenzen …

„Seifenblasen“ steckt voller Komik, Dialogwitz und Figurenzeichnung haben nichts von ihrer Frische verloren. Jederzeit hat der Autor seinen Stoff im Griff und schlägt Funken aus den amourösen Verwicklungen.kurt-tucholsky

Ein Cineast könnte jetzt aufmerken, erinnert die oben beschriebene Handlung doch frappierend an die UFA-Komödie „Viktor und Viktoria“, welche Reinhold Schünzel im Jahre 1933 drehte. Inwiefern das aufgegebene „Seifenblasen“-Projekt als Vorbild bzw. Fundgrube diente, muss die Filmgeschichtsschreibung noch herausfinden.

Der gemeine Tucho-Fan jedenfalls darf sich freuen und das berühmte Bonmot des Meisters abwandeln: Der Leser hats gut, er kann sich seinen Tucholsky aussuchen.

Tucholsky, Kurt: Seifenblasen (Rowohlt) 10€