Ibáñez, Clever & Smart

9783551781499Geht es um Helden meiner Kindheit, werde ich immer auf „Clever und Smart“ verweisen, die anarchische Comicserie aus der Feder des großartigen Francisco Ibáñez.

Herrlich, wie die beiden Agenten bei ihren obskuren Einsätzen eine Spur der Verwüstung hinterlassen und ihren Chef Mister L in den Wahnsinn treiben. Mit einer irrwitzigen Geschwindigkeit werden Bösewichte, Agenten und unschuldige Passanten durch den Kakao (und andere Flüssigkeiten) gezogen, unter Strom gesetzt oder anderweitig malträtiert, dass einem Hören und Sehen vergeht. Anarchie pur!

Erfreulicherweise legt der Carlsen Verlag die Klassiker aus den 70er Jahren wieder auf, beginnend mit den Bänden „Keine Angst, wir retten die Welt“ , „Wir bringen Nachschub für den Knast“ und „Die Asphalt-Safari„.

Und so können auch in die Jahre gekommene Fans (wie der Verfasser dieser Zeilen) fehlende Nummern ergänzen und sich in in eine Agentenwelt hineinversetzen, die so gar nichts mit den Abenteuern eines James Bond alias 007 zu tun hat. Zum Glück!

Ibáñez, Francisco: Clever & Smart. Keine Angst, wir retten die Welt (Carlsen) 9,99€

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Eric Idle

9783462316742Als fanatischer Fan der legendären Komikertruppe „Monthy Python“ freut es mich natürlich sehr, dass sich die verbliebenen fünf Mitglieder bester Gesundheit erfreuen und immer noch produktiv sind. Von Eric Idle ist jetzt ein Roman erschienen, der von erstaunlicher Aktualität ist.

The Writer’s Cut“ erzählt die Geschichte des Drehbuchautoren Stanley Hay, der eines Tages eine brillante Idee hat: Warum nicht einen Tatsachenroman über Hollywood schreiben, in dem es richtig zur Sache geht? Stars, Sex und Schweinereien sollen das Ganze zu einem Knüller machen und dem immer klammen Stanley zum dringend benötigten Kleingeld verhelfen.

Und die Sache läuft gut an: Verlage und Filmstudios reißen sich um den Text, Stanley wird von Medienanfragen überwältigt und sein Agent sieht die Dollarnoten nur so vom Himmel regnen.

Das Problem: Stanley schafft es nicht, auch nur einen vernünftigen Satz des Skandalromans zu Papier zu bringen …

Eric Idle, der seit vielen Jahren in Los Angeles lebt und natürlich über reichlich Insiderwissen verfügt, porträtiert Hollywood als Sündenbabel, wo jede(r) nach Publicity und Geld giert und dabei über Leichen geht.

Sympathisch ist niemand in diesem kleinen Werk, welches Kiepenheuer & Witsch dankenswerterweise als zweisprachige Ausgabe vorlegt. Aber das stört gar nicht, denn Herrn Idle bieten sich vielfältige Gelegenheiten, um Gags, Kalauer und manche Zoten unterzubringen. „The Writer’s Cut“ ist ein komischer, schweinöser Roman, der keine Peinlichkeit auslässt. Well Done, Mister Idle!

Idle, Eric: The Writer’s Cut (KiWi) 12€

Neue Taschenbücher

u1_978-3-10-397260-3Viele Romane der letzten Zeit beschäftigen sich mit politischen Themen der Gegenwart. So beschreibt Michael KöhlmeiersDas Mädchen mit dem Fingerhut“ die Abenteuer eines Flüchtlingskindes in Europa. In „Das Lächeln meines unsichtbaren Vaters“ schildert Dmitrij Kapitelman eine turbulente Israelreise mit seinem Vater. Und Dorit Rabinyan erzählt in „Wir sehen uns am Meer“ die Liebesgeschichte zwischen einer Israelin und einem Palästinenser. „Ich hasse dieses Internet“ von Jarett Kobek wiederum ist ein höchst erfrischender literarischer Wutanfall, der anregend unsere digitale Welt seziert.

Die stoerrische Braut von Anne Tyler

Ebenfalls neu als Taschenbuch erschienen ist Anne TylersDie störrische Braut“ : In dieser modernen Version der „Widerspenstigen Zähmung“ geht es turbulent und höchst komisch zu. Gleiches gilt für die beiden neu übersetzten Werke des wunderbaren Evelyn Waugh: „Lust und Laster“ ist eine herrliche Satire über die Partygesellschaft der Zwanziger Jahre, während „Tod in Hollywood“ mit dem
seltsamen Starkult der Filmbranche abrechnet.

9783895814525Im Krimisegment weise ich mit Vergnügen auf einen weiteren Roman des göttlichen Ross Thomas hin: „Der Mordida-Mann“ spielt Anfang der Achtziger Jahre und nimmt wüste Machenschaften zwischen Libyen und den USA aufs Korn. Wendy Walkers Debüt „Dark Memories – Nichts ist je vergessen“ sorgt für abgründige Spannung: Nach einer Vergewaltigung sind die Bewohner der Kleinstadt Fairview (Connecticut) in Aufruhr. Kann der Psychologe Alan Forrester für Aufklärung sorgen? Schließlich rate ich zu Jason StarrsPhantasien“ : Affären, Geheimnisse und ein Todesfall sorgen für hässliche Kratzer auf der schönen Fassade eines New Yorker Vorortes. Und wieder fragt sich der Leser: Was ist eigentlich los im Amerika dieser Tage?

Matthew Weiner

978-3-498-09463-8Matthew Weiner ist ein höchst erfolgreicher Drehbuchautor. Er schrieb einige Folgen für die legendäre Mafia-Serie „Die Sopranos“ und gilt als der kreative Kopf hinter „Mad Men„. Mister Weiner hat also schon einiges geleistet und brilliert nun auch als Romancier: Sein Debüt „Alles über Heather“ ist ein Familiendrama, das es in sich hat.

Mark und Karen Breakstone führen scheinbar eine perfekte Ehe. Sie sind durchaus wohlhabend, leben in Manhattan und erfreuen sich an ihrer Tochter. Heather ist ein Phänomen: Ihre strahlende Lebensfreude wirkt ansteckend und schweißt die Eheleute zusammen.

Doch die Jahre vergehen und Heather verändert sich: Die Pubertät sorgt für einige Komplikationen in der wackeligen Dreieckskonstellation. Mark und Karen buhlen um die vergötterte Tochter und leben sich auseinander, die Spannungen nehmen überhand.

So weit, so abgründig. Doch da tritt Bobby Klasky auf die Bildfläche: Der Sohn einer drogensüchtigen Prostituierten ist kein Menschenfreund und vor allem an der Erfüllung seiner Triebe interessiert. Und da läuft ihm ausgerechnet Heather über den Weg…

weiner_matthewDieser Roman ist ein kleines Meisterwerk. Auf gerade einmal 137 Seiten erschafft Weiner eine Spannung, die unwiderstehlich ist. Die erzählerische Dichte wird bis zum furiosen Finale beibehalten und auf jeder Seite ist die stilistische Ausgefeiltheit des Textes zu bewundern (die kongeniale Übersetzung durch Bernhard Robben muss an dieser Stelle gelobt werden).

Alles über Heather“ ist natürlich auch ein Kommentar über die amerikanische Upperclass, ohne dabei den moralischen Zeigefinger zu erheben. Das erfreut und lässt auf weitere große Taten aus der Weinerschen Schreibstube hoffen.

Weiner, Matthew: Alles über Heather (Rowohlt) 16€

Foto: © Jeff Vespa

Nathan Hill

produkt-13574Amerika steckt in der Krise und angesichts eines irrlichternden Präsidenten fragt man sich, wohin das Ganze noch führen wird. Eine andere Frage lautet: Wie konnte es nur so weit kommen?

Einige Antworten auf diese Fragen findet man in Nathan Hills Debütroman „Geister„, der jüngst als Taschenbuchausgabe erschienen ist. Hill gelingt das Kunststück, den Leser/die Leserin auf über 850 Seiten zu fesseln und ein Panorama amerikanischer Irrungen zu entwerfen, das man so schnell nicht vergisst.

Sein Held heißt Samuel Anderson und arbeitet als Literaturprofessor. In seiner Freizeit verbringt er Stunden mit dem Online-Rollenspiel „World of Elfscape“ und fällt eines Tages aus allen Wolken: Seine Mutter, die ihn einst als 11-Jährigen verließ, ist plötzlich auf allen Nachrichtenkanälen präsent.

Sie hat einen rechtsgerichteten Politiker mit Kieselsteinen beworfen und gilt nun als gefährliche Terroristin. Anderson begibt sich auf eine Spurensuche, welche ein Licht in das Dunkel seiner Familiengeschichte werfen soll. Doch dabei weckt er Geister, die ihn nicht mehr loslassen…

Nathan Hill ist ein begnadeter Erzähler, der seinen gewaltigen Stoff im Griff hat. Er führt uns ins Chicago des Jahres 1968 mit seinen Studentenunruhen und schlägt einen Bogen zu den Occupy-Protesten gegen die Wall Street. Und natürlich geht es um so wichtige Themen wie Engagement und Anpassung, die Korrumpierbarkeit der amerikanischen Mittelschicht oder die gefährliche Oberflächlichkeit der Studenten von heute.

Doch ist das Ganzcsm_urheber-4591_dfe2401213e keine aseptische Thesensammlung. „Geister“ steckt voller Komik (besonders die erstaunlichen Rollenspiel-Darstellungen ließen mich oft laut auflachen). Und auch die Liebes- und Familienkatastrophen von Samuel und seiner Mutter berühren bis zum Schluss.

Als Fazit könnte man sagen: Die Vereinigten Staaten von Amerika gehen ihrem Untergang entgegen. Aber solange dabei solche Romane herauskommen, ist noch nicht alles verloren.

Hill, Nathan: Geister (Piper) 14€

Autorenportrait: © Michael Lionstar

Robert Gernhardt

u1_978-3-10-040223-3Mit Liebeserklärungen ist das ja so eine Sache: Das kann auch mal nach hinten losgehen und der Verehrer erntet nur eine kalte Schulter des/der Angebeteten. Anders sieht es aus, wenn das Objekt der Bewunderung nicht mehr unter uns weilt und quasi wehrlos haltlosen Umschmeichelungen ausgesetzt ist.

Um es kurz zu machen: Es geht um Robert Gernhardt, den Meister der komischen Kunst, der virtuos in allen möglichen Formen werkte und wirkte. Als Zeichner, Essayist, Maler, Erzähler, Lyriker und Drehbuchautor schuf der Unvergleichliche ein reiches Werk voll funkelnder Originalität.

Ich gebe es gerne zu: Ohne Gernhardts Schaffen wäre ich nur ein halber Mensch und müsste sinnlos durch diese schnöde Welt tapern. Schlimm war deshalb die Nachricht von seinem Übergang in eine andere Welt, denn seither müssen wir ohne den genialen Künstler auskommen.

Doch welche Freude: Immer wieder erscheinen Werke aus dem Nachlass, die den Gernhardt-Jünger beglücken und verzücken. In diese Riege reiht sich „Der kleine Gernhardt“ ein: Von Apokalypse bis Zahnarzt werden Stichworte in Gernhardtscher Manier behandelt. Komisch, klug und kunstvoll geht es hier zu und auch der S. Fischer-Verlag verdient ein Extralob für seine editorische Arbeit.

Und so sitzen wir Gernhardtianer unterm Tannenbaum, blättern in seinen Klassikern „Die Falle“ und „Erna, der Baum nadelt !“ und erheben das Glas für den umjubelten Meister. „Prost Weihnachten!“ rufe ich auch Ihnen zu und wünsche einen erfreulichen Übertritt ins kommende Jahr.

Gernhardt, Robert: Der kleine Gernhardt. Was war, was bleibt von A bis Z (S. Fischer) 18€

Sy Montgomery

b_h17_oktopus_montgomery_5Haben Sie ein Lieblingstier? Auf diese Frage würde ich normalerweise antworten: Selbstverständlich die Kuh, welche mit ihrer Seelenruhe jeden Hamburger Szenekönig in Sachen Coolness locker aussticht.

Nach der Lektüre von Sy Montgomerys wundervollem Buch „Rendezvous mit einem Oktopus“ bin ich allerdings auch zu einem veritablen Krakenfan mutiert. Oktopoden sind wahrlich außergewöhnlich: Ihre Armmuskeln haben eine Zugkraft, die bis zu 100mal größer ist als das eigene Gewicht (das bei einigen Arten über 30 Kg betragen kann). Außerdem können sich Kraken in einer Schnelligkeit und Vielfältigkeit tarnen, die einen staunen lässt: Sie sind in der Lage, innerhalb von Zehntelsekunden Farbe, Muster und Textur ihrer Oberfäche zu verändern.

Die amerikanische Tierforscherin Sy Montgomery hat in einem Bostoner Aquarium Kontakt zu diesen erstaunlichen Wesen aufgenommen. Und das ist wörtlich zu verstehen: Oktopoden sind neugierig und tasten gerne mit ihren zahlreichen Saugnäpfen menschliche Arme, die ins Becken gehalten werden, ab. Frau Montgomery hielt selbst ihre Arme hin und berichtet von höchst sinnlichen Erlebnissen. Ihre Begeisterung für diese Wirbellosen trieb sie gar selbst ins Wasser: Sie absolvierte einen Tauchkurs, um sich ihren Lieblingen auch „in freier Wildbahn“ anzunähern.

Die Begeisterung ist ansteckend, und so folgt man atemlos den Schilderungen über geheimnisvolle Wesen, die ein kurzes, aber intensives Leben führen (sie werden nicht mehr als vier Jahre alt). montgomery_sy_1

Ich kann nur raten: Lesen Sie dieses fesselnde Buch und besuchen Sie anschließend ein gut ausgestattetes Aquarium. Dort sollten Sie die Arme ins Wasser halten – aber Vorsicht: Nicht das Haifischbecken ansteuern!

Montgomery, Sy: Rendezvous mit einem Oktopus (mareverlag) 28€