Philipp Blom

978-3-446-25664-4_217727152331-65Wir leben bekanntermaßen in höchst unruhigen Zeiten. Populisten und Wutbürger sind kaum zu stoppen, das westlich-demokratische Politiksystem wird immer häufiger hinterfragt. Wie sieht unsere Zukunft aus und wie können wir sie beeinflussen?

Philipp Blom legt mit seinem Essay „Was auf dem Spiel steht“ eine Analyse unserer Gegenwart vor und wagt den Blick nach vorn. Er sieht die weltweite Finanzkrise von 2008 als eine Art Wendepunkt der Geschichte. Durch die vom Steuerzahler finanzierte Bankenrettung ist das Grundvertrauen in die liberale Marktwirtschaft erschüttert worden.

Der alte Fortschrittsglaube, dass es allen immer besser gehen wird und eine rosarote Zukunft winkt, ist nicht mehr überzeugend. Die Erderwärmung mit ihren Folgen wird das Leben auf unserem Planeten verändern, die fortschreitende Digitalisierung vernichtet Arbeitsplätze und schafft neuen Unfrieden. Die Menschen glauben nicht mehr an die Segnungen des Marktes und wenden sich rechten Demagogen, die das Blaue vom Himmel lügen, zu.

Philipp Blom legt den Finger in die Wunde und hinterfragt liebgewordene Gewissheiten. Kann man das parlamentarisch-demokratische Politiksystem, wie wir es kennen, wirklich als alternativlos ansehen?

Eines ist sicher: Das bisherige kapitalistische Wirtschaftssystem muss sich ändern. Eine Energiepolitik, die entscheidend auf der rücksichtlichen Ausbeutung des Planeten basiert und dem Diktat des steten Wirtschaftswachstums verpflichtet ist, kann nicht zukunftsfähig sein.

Was ist zu tun? Philipp Blom riskiert einen Blick in die Zukunft und zeichnet das Bild einer Welt von morgen, die realistisch und nachhaltig auf die anstehenden Herausforderungen reagiert. Doch warnt er auch eindringlich vor einem „weitermachen wie bisher“, das alles Störende ausblendet und nur destruktiven Egoismus hervorruft.

Wir müssen sofort handeln, denn alles steht auf dem Spiel.

Blom, Philipp: Was auf dem Spiel steht (Hanser Verlag) 20€

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Simone Buchholz

46785Auch als Wahlhamburger sollte man für eine gehörige Portion Lokalpatriotismus offen sein. Die Krimiserie von Simone Buchholz, deren siebter Fall „Beton Rouge“ gerade erschienen ist, erfreut unter anderem mit seiner liebevollen Schilderung typisch Hamburger Verhältnisse.

Und auf Chastity Riley können wir eh nicht mehr verzichten: Die überaus unkonventionelle Staatsanwältin bekommt es hier mit einem seltsamen Verbrecher zu tun, welcher die Führungskräfte eines Medienhauses entführt und sie in Käfige sperrt.

Bei ihren Recherchen stößt die Riley auf düstere Geschichten aus rauher Vorzeit, die sich in einem süddeutschen Internat ereignet haben. Und der rätselhafte Fall nimmt seinen Lauf…

Natürlich tritt Chastitys schillernder Freundeskreis wieder auf und entwickelt ein kompliziertes Eigenleben. Und als ein charismatischer LKA-Beamter auf den Plan tritt, gerät das komplizierte Beziehungsgeflecht vollends durcheinander. Da hilft dann nur noch der Griff zur Flasche.14417_buchholz_simone

Ich kann Frau Buchholz gar nicht genug loben für ihre spritzigen, witzigen Krimis. Originelle Kapitelüberschriften („Mutblond unterm Blutmond“, „Generell regnet es Dreck“, „Zwei für die FDP nach Brüssel“) zeichnen „Beton Rouge“ aus. Und höchst erfreulich ist die Idee Nebenfiguren mit den Namen ehemaliger Helden des FC St. Pauli zu versehen (Ippig, Acolatse, Stanislawski). Das kann sogar ein überzeugter HSV-Fan wie der Verfasser dieser Zeilen nur goutieren.

Wir rufen: „Chapeau!“ Und fragen uns bloß, wieso die Serie noch nicht für das Kino entdeckt worden ist. Fatih Akin, bitte übernehmen Sie!

Buchholz, Simone: Beton Rouge (Suhrkamp) 14,95€

Autorinnenportrait: © Achim Multhaupt

Riad Sattouf

Der Araber von morgen Band 3 von Riad SattoufDer grausame Bürgerkrieg in Syrien wütet nun schon seit 2011 und ein Ende ist nicht abzusehen. Dieses Drama lässt einen nicht los und schwingt bei der Lektüre von Riad Sattoufs autobiographischer Graphic Novel „Der Araber von morgen“ immer mit.

Sattouf, 1978 als Sohn einer Französin und eines Syrers in Paris geboren, erzählt von seinen Kindheitsjahren, die er in Frankreich und mehreren arabischen Staaten erlebte. Der nun erschienene dritte Band umfasst die Jahre 1985 bis 1987: Riads Familie lebt in einem trostlosen syrischen Dorf, der Vater lehrt als Geschichtsdozent in der Stadt, die Mutter wird zum dritten Mal schwanger.

Und Riad sammelt Erfahrungen: In der Schule greift der Lehrer zum Schlagstock und verbreitet Angst und Schrecken, die Mutter vermisst die französische Heimat und beklagt die ärmlichen Lebensverhältnisse, der Vater ist hin- und hergerissen zwischen westlich geprägten Fortschrittsgedanken und seiner tiefreligiösen Familie.

Mit dem staunenden Blick des aufgeweckten Kindes erleben wir eine karge, oft rätselhafte arabische Welt, die so ganz anders ist als Frankreich. Dies wird auch mit den eingesetzten Farben verdeutlicht: Die syrischen Kapitel sind rosarot hinterlegt (als Reminiszenz an den dortigen Boden), während die französischen Kapitel meerblau daherkommen.

„Der Araber von morgen“ besticht durch seinen genauen Blick auf die Gesellschaft, einen herrlichen, oft ins Absurde schwappenden Humor und einen feinen Zeichenstil. Hier sieht man so einige markante Fratzen, die sonst nirgendwo zu bestaunen sind.

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Vor allem aber ahnt man etwas von den üblen politischen Verhältnissen, in denen Korruption und Repression vorherrschen und etwaige Proteste schon im Keim erstickt werden. So dürfte spätestens in den achtziger Jahren die Saat ausgestreut worden sein für das folgende syrische Verhängnis.

Diese ernste Thematik auf solch berührende wie komische Weise umgesetzt zu haben, zeigt die Meisterschaft des Riad Sattouf. Auf die hoffentlich folgenden Bände seiner Autobiographie warten wir jedenfalls schon heute.

Sattouf, Riad: Der Araber von morgen Band 3 (Knaus) 19,99€

Autorenportrait: © Olivier Marty

Neue Taschenbücher

Was denn, Sie sind immer noch nicht losgefahren und suchen dringend nach der passenden Urlaubslektüre? Da hätte ich einige Vorschläge für Sie!Die Clique von Mary McCarthy

Zum Beispiel „This is not a love song“ von Jean-Philippe Blondel: Vincent lebt seit vielen Jahren glücklich und erfolgreich in England. Doch ein Urlaubstrip in seine französische Heimatstadt läßt sein stabiles Lebensgerüst gehörig ins Wanken geraten.

Die Clique“ von Mary McCarthy ist ein moderner Klassiker, der wieder zu entdecken ist. 1963 im Original erschienen, geraten wir ins Manhattan der 30er Jahre und begleiten acht Collegefreundinnen bei ihren Abenteuern und Affären. Aber Vorsicht: Hier wird so scharf formuliert und gnadenlos porträtiert, daß es eine wahre Freude ist.

Lars MyttingsDie Birken wissen’s noch“ ist ein vielschichtiger Familienroman mit Thrillerelementen: Edvard stößt nach dem Tod seines Großvaters auf Geheimnisse, die bis in die Zeit des Zweiten Weltkriegs zurückreichen. Und obwohl es hier immer wieder um Holz und das Tischlereihandwerk geht, ist das Ganze mitreißend erzählt und keineswegs sperrig.

Erfreulich ist auch Penelope Fitzgeralds Roman „Das College.“ Mit feiner Ironie wird die etwas verstiegene Geschichte um den jungen Physiker Edward erzählt, der sich im Cambridge des Jahres 1912 mit den Sonderbarkeiten der berühmten Universitätsstadt konfrontiert sieht.

Auch Patrick Deville blickt mit „Pest & Cholera“ zurück und porträtiert den erstaunlichen Alexandre Yersin (1863-1943). Der schweizerisch-französische Forscher ging als Entdecker des Pesterregers in die Wissenschaftsgeschichte ein, war aber auch anderweitig aktiv (so wurde eine in Vietnam vorkommende Vogelart nach ihm benannt).Sommernovelle von Christiane Neudecker

Und wer über die diesjährigen Wetterverhältnisse lamentiert, der mag zu Christiane NeudeckersSommernovelle“ greifen: Zwei 15-jährige Schülerinnen verbringen einige Wochen auf einer Vogelstation an der Nordsee, wir schreiben das Jahr 1989.

Ein guter Krimi gehört in jeden Urlaubskoffer, wie z. B. „Laidlaw“ von William McIllvanney. Messerscharfe Dialoge, kantige Figuren und ein zynischer Ermittler machen das Ganze zu einem besonderen Vergnügen.Ein angesehener Mann von Abir Mukherjee

Zu den Großen seiner Zunft zählt Gary Disher, der sich mit „Bitter Wash Road“ wieder einmal in die australische Provinz begibt. Constable Paul Hirschhausen (genannt Hirsch) ermittelt.

Und schließlich: Abir Mukherjees wundervoller Roman „Ein angesehener Mann“ ist der Auftakt einer Serie um Captain Sam Wyndham, der im Kalkutta des Jahres 1919 einen Mord aufzuklären versucht und dabei mit den Besonderheiten der britischen Besatzung aneinandergerät.

 

War etwas für Sie dabei? Ich wünsche jedenfalls sorgenfreie Urlaubstage und inspirierende Lesestunden!

Nicholas Searle

978-3-463-40667-1Sie suchen noch einen Krimi für die Urlaubstage? Ich rate zu „Das alte Böse“ von Nicholas Searle.

Dieser perfide Roman beginnt ganz harmlos: Roy ist zwar schon über 80, aber noch rüstig und rege. Über ein Dating-Portal lernt er Betty, eine pensionierte Historikerin, kennen. Die beiden sind sich sympathisch, werden ein Paar und ziehen sogar zusammen. Dabei scheinen der ruppige Roy und die kultivierte Betty nicht recht zueinander zu passen.

Je weiter der Roman voranschreitet, desto mehr erfahren wir über Roys Lebensgeschichte. Er ist weit mehr als ein „guter Lügner“ („The Good Liar“ heißt die englische Originalausgabe) und auch die Bezeichnung „schlimmer Finger“ will nicht so recht passen.

Wir haben es hier mit einem skrupellosen Berufskriminellen zu tun, der von seinem üblen Tun nicht lassen kann und sich als sein letztes Betrugsopfer ausgerechnet Betty ausgesucht hat. Doch diese sollte man nicht unterschätzen, und so nimmt das Ganze eine Wendung, welche den verblüfften Leser nicht wenig überrascht.

Nicholas Searle operiert mit doppelten Böden und fintenreichen Wendungen, welche schließlich ins Deutschland des Jahres 1938 führen. Die ungewöhnliche Mischung aus Polit- und Psychothriller zeichnet „Das alte Böse“ aus und sollte auch den routinierten Krimileser begeistern.

Searle, Nicholas: Das alte Böse (Kindler Verlag) 19,95€

 

 

James Gordon Farrell

978-3-95757-251-6-x160xx400x-1488182435James Gordon Farrell ist einer der größten Autoren des 20. Jahrhunderts – und hierzulande fast unbekannt. Deshalb kann man den rührigen Verlag Matthes & Seitz, der Farrells Meisterwerke erstmals auf Deutsch herausbringt, nicht genug loben.

„Singapur im Würgegriff“ ist der abschließende Band einer Trilogie, welche den Untergang des Empire auf unnachahmliche Weise beschreibt. Walter Blackett ist eine Hauptfigur dieses voluminösen Romans. Er leitet das florierende Handelsunternehmen Blackett & Webb und zählt zu den angesehensten Persönlichkeiten Singapurs.

Blackett ist Geschäftsmann durch und durch, muss sich aber um zwei wichtige Angelegenheiten kümmern: Die Verheiratung seiner eigenwilligen Tochter Joan sowie die Vorbereitung des fünfzigjährigen Firmenjubiläums. Der Direktor versucht alles, um die Dinge in die richtigen Wege zu leiten, verheddert sich dabei aber immer mehr in einem Gespinst aus Schwierigkeiten und Missverständnissen. Und dann kommt ihm auch noch der Ausbruch des Zweiten Weltkriegs dazwischen: Plötzlich stehen die Japaner vor der Tür und beginnen mit der Eroberung Singapurs …

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J.G. Farrell entwirft das Panorama einer untergehenden Gesellschaft, welche die Zeichen der Zeit nicht erkennt. Dabei ist „Singapur im Würgegriff“ nicht nur die minutiöse Darstellung einer historischen Epoche. Man lernt hier auch manches über damalige Wirtschaftsverhältnisse sowie die Irrungen der britischen Militärführung. 

Aber vor allem ist der „Würgegriff“ ein rasend komischer Roman. Unglaublich, welch schrulliges Figurenpersonal hier auftritt und für Verwirrungen sorgt, dass es eine wahre Freude ist. Erwähnt seien nur der ungeratene Sohn Monty Blackett, der schrecklich idealistische Firmenerbe Matthew Webb sowie Francois Dupigny, ein Franzose, den die Weltgeschichte in diesen Teil der Erde verschlagen hat. Und dann ist es auch noch so unerträglich heiß und schwül …

James Gordon Farrell starb im Jahre 1979 im Alter von 44 Jahren, als er beim Angeln von einer Sturmflut erfasst wurde und ertrank. Aber mit seinen wundervollen Werken bleibt er unsterblich – und wird uns auch in Zukunft mit seinen herrlichen Romanen (die man übrigens immer wieder lesen kann) begeistern.

Farrell, James Gordon: Singapur im Würgegriff (Matthes & Seitz Verlag) 30€

Knausgård und Henschel

26117_xlKarl Ove Knausgård ist in aller Munde und das zurecht. Mit „Kämpfen“ liegt nun der abschließende sechste Band seines autobiographischen Projekts vor, und natürlich ist dieses voluminöse Werk ein Ereignis.

Knausgård (Jahrgang 1968) ist schonungslos und radikal, er beobachtet seine Welt nicht als abwägender Diplomat, sondern oftmals als wütender Querkopf, der seine Ruhe haben will. Doch er beobachtet und beschreibt messerscharf und hellsichtig, nichts entgeht seinem Röntgenblick, der sich auch immer wieder auf die eigene Vergangenheit richtet.

Möchte man mit diesem eigenwilligen Norweger stundenlang im steckengebliebenen Fahrstuhl festsitzen? Wohl eher nicht, aber an seinem erstaunlichen Meisterwerk führt kein Weg vorbei.

Bei aller Knausgård-Begeisterung geht ein vergleichbares Romanprojekt etwas unter, obwohl es jede Aufmerksamkeit verdient: Gerhard Henschel schreibt seine fabelhafte Martin-Schlosser-Chronik weiter und legt mit dem „Arbeiterroman“ schon den siebten Band vor.

Sein Held träumt weiter von der Karriere als Schriftsteller, schlägt sich aber mühselig durch die Wirren der späten Achtzigerjahre. Schließlich kommt es zu einigen Nackenschlägen, welche die Schlosser-Welt ins Wanken bringen. Derweil sorgt der Mauerfall für einen nicht unerheblichen Wandel in der deutschen Geschichte …

Gerhard Henschel (Jahrgang 1962) bildet mit seinen Romanen deutsche Zeitgeschichte ab und sorgt dabei immer wieder für wunderbare Wiederentdeckungen. 

15316c191eSprüche, Moden, Torheiten, die man längst in den Kerker des Vergessens weggesperrt hatte, holt Meister Henschel wieder hervor und nimmt uns mit auf eine Zeitreise in die Vergangenheit, die auch nicht viel besser war als die Gegenwart. 

Das Ganze ist komisch, traurig, erregend und erstaunlich – wie das Leben so spielt. Und: Die Chronik ist noch nicht abgeschlossen, Herr Henschel schreibt weiter und sammelt die Fundstücke der Alltagswelt, um daraus Großromane zu basteln. Wünschen wir ihm beste Gesundheit und ein langes Leben, so dass auch wir davon profitieren und uns auch in Zukunft an den unnachahmlichen „Henscheliaden“ erfreuen können.

Autorenportrait Knausgård: © André Loyning
Autorenportrait Henschel: © Jochen Quast