Julian Barnes

9783462048889Julian Barnes zählt fraglos zu den großen Stimmen unserer Zeit und man fragt sich, warum er den längst verdienten Nobelpreis für Literatur noch nicht erhalten hat.

Sein neues Werk „Der Lärm der Zeit“ porträtiert Dimitri Schostakowitsch als sensiblen Künstler, der an den politischen Verhältnissen seiner Zeit verzweifelt. In den Zeiten der Stalinschen Säuberungen von der Verhaftung bedroht, arrangiert sich der berühmte Komponist mit dem kommunistischen Regime. Nach 1945 wird Schostakowitsch im (kapitalistischen) Westen als regimetreuer Parteisoldat wahrgenommen, ohne das Dilemma des von der Politik Bedrängten zu bemerken.

autor_237Schostakowitsch kann sein Heimatland nicht verlassen, er ist viel zu sehr mit seiner russischen Heimat verwurzelt. Doch das Überleben in der Diktatur ist nur mit schmerzhaften Kompromissen möglich. Der eigentlich völlig Unpolitische wird zum Getriebenen, zum Opfer der Diktatur sozialistischer Bauart. Denn in der Sowjetunion ist eine unpolitische Haltung schlichtweg unmöglich: Der unpolitische Individualist ist in den Augen des Regimes ein Widerständler und damit gerade politisch.

Barnes zeigt die Tragik des Einzelnen, der durch die Gleichmacherei des Kommunismus zermahlen wird und doch eigentlich nur Musik erschaffen will. „Der Lärm der Zeit“ ist das einfühlsame Porträt eines musikalischen Genies und eine stimmige Schilderung des Lebens unter diktatorischen Regimen.

Barnes, Julian: Der Lärm der Zeit (Kiepenheuer & Witsch) 20€

© Alan Edwards/f2 2images

Jérôme Leroy

pbFrankreich wird von blutigen Unruhen erschüttert, frustrierte Jugendliche proben den Aufstand, die Staatsmacht schlägt mit aller Härte zurück. Täglich kommen neue Tote hinzu, die Regierung ist hilflos und greift zum letzten Rettungsanker: Die Parteivorsitzende des rechtsextremen Patriotischen Blocks wird zu Verhandlungen eingeladen, die zum Regierungsbeitritt ihrer Bewegung führen sollen.

Dieses Szenario ist reine Fiktion, Ähnlichkeiten mit den aktuellen politischen Verhältnissen in Frankreich sind aber mehr als zufällig: Jérôme Leroy erzählt in seinem Kriminalroman „Der Block“ vom Aufstieg einer radikalen Bewegung, die kurz vor ihrer Etablierung als Regierungspartei steht.

Das Geschehen wird aus der Perspektive zweier „Blockisten“ geschildert: Antoine Maynard, Ehemann der Parteivorsitzenden, wartet gespannt auf das Ergebnis der Verhandlungen, die ihn zum Staatssekretär machen könnten. Derweil versteckt sich sein Freund Stanko vor den eigenen Leuten: Stanko, ein skrupelloser Mörder, hat zu viel Dreck am Stecken und muss beseitigt werden. Doch der alte Kämpfer gibt sich nicht so schnell geschlagen …

„Der Block“ ist atemraubend: Wir hören die Stimmen zweier Extremisten, die unterschiedlicher nicht sein können und dennoch zu Freunden werden. Antoine ist der unangepasste Intellektuelle, ein Schriftsteller und Büchernarr, der seine Umwelt mittels kalter Intelligenz herauszufordern weiß. Doch ist er auch getrieben von inneren Dämonen, die ihn zu brutalen Gewalttaten führen. Hierbei trifft er sich mit dem schwulen Arbeitersohn Stanko, dessen Hassgefühle durch nichts zu bändigen sind.

Leroys Roman ist ein gewagtes Unterfangen, doch gelingt es hier auf beklemmende Weise, den Aufstieg der Rechtsextremen begreifbar zu machen. Indem der Leser quasi in die Hirnwendungen zweier typischer Vertreter der Rechten hineinkriecht, werden die Motive und Antriebskräfte derselben erst deutlich.

„Der Block“ ist ein beklemmender Roman voller Hass und Gewalt, aber auch poetische Szenen und tiefe Gefühle werden überzeugend geschildert. Maynard und Stanko sind keine Abziehbilder, sondern Figuren mit Ecken und Kanten, die einem gelegentlich fast sympathisch sein könnten (aber so weit kommt es dann doch nicht).

Leroys Roman ist herausragend, ein düsterer Kommentar zur französischen Gesellschaft und DER Roman zum gerade stattfindenden Wahlkampf in unserem Nachbarland.

Leroy, Jérôme: Der Block, 19,90€
Edition Nautilus

 

Jonas Lüscher

9783406705311_largeRichard Kraft, der Held in Jonas Lüschers gleichnamigen Roman, ist eine veritable Nervensäge: Der brillante Kopf kann alle und jeden unter den Tisch schwätzen.

Diese Eloquenz hat Kraft zu einer glanzvollen akademischen Karriere inklusive Vorzeigeehe und Traumwohnung verholfen, doch nun steckt er in der Krise: Die Ehe liegt in den letzten Zügen und finanziell klemmt es gewaltig.

Da kommt ein außergewöhnlicher Wettbewerb gerade recht: Der Dotcom-Milliardär Tobias Erkner hat 1 Million Dollar ausgelobt für den Siegesbeitrag, welcher die Preisfrage „warum alles, was ist, gut ist, und warum wir es dennoch verbessern können“ am besten beantwortet.

Kraft begibt sich nach Stanford, um hier seinen Essay zu entwerfen, doch gerät sein Arbeitseifer ins Stocken. Und allmählich wird der sonst so zielstrebige Kraft von argen Selbstzweifeln geplant …

Fruehling der Barbaren von Jonas LuescherJonas Lüscher hat schon mit seiner Novelle „Frühling der Barbaren“ (2013) bewiesen, dass er zu den genauesten Beobachtern seiner Generation zählt. Ein scharfsinniger Blick auf menschliche Peinlichkeiten zeichnet diesen Autor aus, gnadenlos demaskiert er seine seltsamen Figuren.

Schön getroffen sind die Rückblenden in Krafts Berliner Studentenzeit: Der überzeugte Wirtschaftsliberale sorgt da mit seiner Reagan-Begeisterung für allgemeines Kopfschütteln, scheint dann jedoch den wetterwendischen Weltgeist auf seiner Seite zu haben. Doch die Zeiten ändern sich und der verblüffte Kraft wird von weit radikaleren Liberalen rechts und links überholt.

Jonas Lüschers „Kraft“ ist einer der Höhepunkte des Literaturfrühlings, das kleine Meisterstück funkelt geradezu mit seiner Klugheit und Originalität. Lesen Sie Lüscher – schnell!

Lüscher, Jonas: Kraft (C.H.Beck) 19,95€

Jiro Taniguchi

9783551778796Letzten Sonnabend ist der japanische Manga-Zeichner Jiro Taniguchi im Alter von 69 Jahren gestorben. Taniguchi zählt zu den bedeutendsten Mangaka seiner Generation, ist aber in Europa deutlich populärer als in seiner japanischen Heimat.

Das könnte an seinem „europäischen“ Stil liegen: Mit großer Sensibilität schildert er das Leben seiner alltäglichen Helden, die zumeist in Tokio leben. In nüchternem, naturalistischem Zeichenstil verewigt Taniguchi seine Wahlheimat und zeigt die Nöte des modernen Großstadtmenschen.person_39678

Oft geht es um Kindheitserinnerungen, Liebesgeschichten entwickeln sich und vergehen wieder, Begegnungen führen zu Freundschaften oder bleiben folgenlos. Immer ist bei Taniguchi eine leise Melancholie spürbar, herrührend vom Wissen über die Vergeblichkeit menschlichen Handelns.

Welches sind nun die Hauptwerke von Taniguchi? Da ist „Der spazierende Mann“ zu nennen: Hier wird ein ländlich geprägter Vorort gezeigt, in welchem unterschiedlichste Personen herumspazieren. In „Vertraute Fremde“ wird ein Geschäftsmann zurück in die 60er Jahre versetzt und findet sich plötzlich im Körper eines 14-jährigen wieder.

9783551777317_0Auch „Die Sicht der Dinge“ schildert eine Reise zurück in die Kindheit: Die Beerdigung seines Vaters konfrontiert Yoichi mit den Erinnerungen an seine Kindheit und Jugend. Und „Der Gourmet“ (eine Zusammenarbeit mit dem Autor Masayuki Kusumi) ist eine (appetitanregende) Reise durch die Restaurants und Garküchen Tokios und seiner Vororte.

Durch die Bücher von Jiro Taniguchi habe ich den Einstieg in die wundervolle Welt der Mangas gefunden. Seine Werke werden bleiben und in ihrer tiefgründigen Schönheit einen besonderen Platz in der Kunst- und Literaturwelt einnehmen.

Kurt Tucholsky

978-3-499-29033-6Was hätte wohl Kurt Tucholsky zu den derzeitigen Weltereignissen zu sagen? Stoff genug für pointierte politische Einordnungen wäre vorhanden.

Auf Tucholsky als unerbittlichen Kommentator der Gegenwart müssen wir leider verzichten, können uns aber dafür dem Künstler Tucho zuwenden: Erstmals ist „Seifenblasen“ separat erschienen, ein kleiner Text, der lange unveröffentlicht blieb und erst vor einigen Jahren als Teil der voluminösen Gesamtausgabe das Licht der Öffentlichkeit erblickte.

Jetzt liegt das  Kuriosum aus dem Jahre 1931 in seiner ganzen Schönheit vor. Damals erhielt der schon berühmte Schriftsteller den Auftrag, für ein Filmprojekt ein Drehbuch zu schreiben. Tucholsky lieferte umgehend, doch wurde nichts aus der Verfilmung und das Manuskript verschwand in der Versenkung.

Dabei ist der Text ein echter Tucholsky: Die junge Barbara möchte auf der Bühne Karriere machen, ergattert aber nur die Rolle eines Nummerngirls. So gibt sie sich als Damenimitator aus und feiert prompt Triumphe. Doch das Privatleben des umschwärmten Bühnenstars gerät in arge Turbulenzen …

„Seifenblasen“ steckt voller Komik, Dialogwitz und Figurenzeichnung haben nichts von ihrer Frische verloren. Jederzeit hat der Autor seinen Stoff im Griff und schlägt Funken aus den amourösen Verwicklungen.kurt-tucholsky

Ein Cineast könnte jetzt aufmerken, erinnert die oben beschriebene Handlung doch frappierend an die UFA-Komödie „Viktor und Viktoria“, welche Reinhold Schünzel im Jahre 1933 drehte. Inwiefern das aufgegebene „Seifenblasen“-Projekt als Vorbild bzw. Fundgrube diente, muss die Filmgeschichtsschreibung noch herausfinden.

Der gemeine Tucho-Fan jedenfalls darf sich freuen und das berühmte Bonmot des Meisters abwandeln: Der Leser hats gut, er kann sich seinen Tucholsky aussuchen.

Tucholsky, Kurt: Seifenblasen (Rowohlt) 10€

Krimis

Am Freitag dieser Woche wird der neue US-Präsident in sein Amt eingeführt. Zur Abwechslung griff ich aus diesem Grunde zuletzt immer wieder zu Kriminalromanen – ob es da einen tieferen Zusammenhang gibt, wissen die Götter.

978-3-426-28137-6_druck-35693965Immerhin gibt es einige Krimis, die unbedingt gelesen werden sollten. Mechtild BorrmannsTrümmerkind“ etwa führt in das vom Krieg zerstörte Hamburg der Nachkriegszeit: Ein dreijähriger Junge wird neben einer Toten gefunden und kommt Jahre später einem Verbrechen auf die Spur.

Der Angstmann“ von Frank Goldammer spielt im Dresden der Kriegsjahre 1944 und 1945: Eine Mordserie beschäftigt Kriminalinspektor Max Heller und lässt ihn mit seinem linientreuen Vorgesetzten zusammenrasseln.

krimi_noir_04_3d_300dpiJames M. Cain ist einer der „Urväter“ der amerikanischen Kriminalliteratur, sein Meisterwerk „Wenn der Postmann zweimal klingelt“ aus dem Jahre 1934 gilt als Klassiker des Genres. Der wunderbare Roman „Abserviert„, welcher im Nachlass des Meisters gefunden wurde, ist ein echter Caine-Roman: Düster, psychologisch genau und eminent spannend.

Letzteres lässt sich auch von sämtlichen Werken des grossen James Lee Burke behaupten. „Vater und Sohn“ ist ein epischer Abgesang auf den Wilden Westen, ein blutiges Meisterstück, das den Bogen bis zum  Ausbruch des 1. Weltkriegs spannt.

978-3-499-29026-8Jane Harper dagen ist eine Debütantin, ihr Erstling „The Dry“ führt in die staubige Provinz Australiens: Ein Dreifachmord erschüttert das Örtchen Kiewarra und zusätzlich stellt eine Dürreperiode die Nerven der Bewohner auf die Probe.

Peter Swanson hat sich mit „Die Unbekannte“ einen Namen gemacht, auch „Die Gerechte“ ist ein grosser Wurf: Die geheimnisvolle Lily vertritt fragwürdige moralische Prinzipien und trifft ausgerechnet auf den von seiner Frau betrogenen Ted …

Das Walmesser von CR NeilsonFuminori Nakamura ist mit seinem grandiosen Thriller „Der Dieb“ zu entdecken: Ein Kleinganove gerät in die Fänge der Yakuza und sucht nach irgendeinem Ausweg.

Und schließlich führt uns „Das Walmesser“ von C.R. Neilson auf die Färöer-Inseln: Der Schotte John Callum versucht dort einen Neuanfang – und wird die Gespenster seiner Vergangenheit nicht los.

Ob letzteres auch für den Präsidenten Numero 45 gelten wird, muss die Zukunft erweisen. Mein Rat in diesen Tagen lautet: Bleiben Sie gelassen und lesen Sie grandiose Krimis.

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Simon Sebag Montefiore

u1_978-3-10-050610-8Zum Abschluss eines denkbar schlimmen Jahres fragte ich mich, welches passende Buch nun „zwischen den Jahren“ gelesen werden sollte. Meine Wahl fiel auf „Die Romanows“ von Simon Sebag Montefiore.

Meisterhaft führt uns der Autor durch die Geschichte dieser Dynastie, die von 1613 bis 1917 den Zarenthron besetzte. Montefiore erzählt auf über 1000 Seiten eine wahrhaft schillernde Geschichte: Rivalitäten, Intrigen, Morde, Affären und Eroberungskriege führten zum Aufstieg einer ganz besonderen Sippe – doch der grausame Zusammenbruch sollte folgen.

Streckenweise liest sich das wie ein monströser Kriminalroman. Reichlich drastisch ist etwa die Schilderung der Ermordung Pauls des Ersten (Regierungszeit 1796-1801): Die Verschwörer stürmten das herrschaftliche Schlafzimmer und erwürgten den ungeliebten Zaren mit seiner Schärpe.

Es gab aber auch beliebte Reformer auf dem Thron, an erster Stelle sei hier Peter der Große genannt. Und auch Katharina die Große wird angemessen gewürdigt.

montefiore2csimon_sebag_04-382326Sebag Montefiore ist ein profunder Kenner der Materie und ein großartiger Erzähler dazu. Man kommt den überaus seltsamen Romanows ganz nah und langweilt sich keine Sekunde, denn irgendetwas von Bedeutung ereignete sich immer am Hofe dieser Mächtigen.

Wie etwa zur Zeit von Zarin Anna (1730-1740), die sich mit dem Werfen von Zwergen von ihren aufreibenden Regierungsgeschäften erholte und exzentrische Bälle veranstaltete, auf welchen die geladenen Gäste in den Kleidern des je anderen Geschlechts erscheinen mussten. Immer was los im Hause Romanow …

Sebag Montefiore, Simon: Die Romanows (Fischer Verlag) 35€

Autorenfoto: ©Ian Jones