Neue Taschenbücher

Suchen Sie noch Geschenke für den Gabentisch? Einige jüngst erschienene Taschenbücher drängen sich geradezu als geschmackvolles Präsent auf. Wie zum Beispiel „Acht Berge„: Paolo Cognetti schildert hier nicht nur stimmungsvoll die italienische Alpenwelt, sondern erzählt von einer besonderen Freundschaft, die in einem abgelegenen Bergdorf ihren Anfang nimmt.

Acht BergeDie Freiheit der Emma HerweghUnd Marx stand still in Darwins Garten

Zwei biographische Romane führen zurück ins 19. Jahrhundert: Dirk Kurbjuweit porträtiert in „Die Freiheit der Emma Herwegh“ eine eigenständige Frau, die eben nicht nur die Gattin des berühmten Revolutionsschriftstellers Georg Herwegh war. Ilona Jerger wiederum schildert die (fiktive) Begegnung von Darwin und Marx, die in ihren späten Jahren nicht weit voneinander lebten.

Die KieferninselnJustizpalastDie Taufe

 

 

 

 

 

 

Nach Japan führt Marion PoschmannsDie Kieferninseln„: Gilbert Silvester hat sich mit seiner Frau zerstritten und reist in die Ferne. Der neurotische Akademiker erlebt jedoch einige japanische Überraschungen.

DuellDer EismannStern des Nordens

 

 

 

 

 

 

Zwei großartige Romane sollten hier nicht unerwähnt bleiben: Petra MorsbachsDer Justizpalast“ führt mitten hinein in die seltsame Welt der Juristen. Und Ann PatchettsDie Taufe“ schildert eine dramatische Geschichte zweier Familien, die durch ein verhängnisvolles Wiegenfest miteinander verbunden werden.

Kälter als der TodJoost ZwagermansDuell“ ist eine messerscharfe Satire auf den modernen Kunstmarkt, bei der ein Gemälde des großen Mark Rothko eine verhängnisvolle Rolle spielt.

Im Krimibereich überzeugt „Der Eismann„: Silja Ukena schildert mit viel Berliner Lokalkolorit einen wendungsreichen Kriminalfall. „Stern des Nordens“ von D. B. John führt nach Nordkorea, wohin die Zwillingsschwester der Romanheldin vor Jahren entführt worden ist. Und Dario CorrentisKälter als der Tod“ ist ein höchst spannender Psychothriller um einen Serienmörder, der Italien in Atem hält.

Da sollte doch für jeden Bedarf etwas dabei sein …

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Gerhard Henschel

ErfolgsromanGerhard Henschels wunderbare autobiographische Romanserie (welche an dieser Stelle schon einmal lobend erwähnt wurde) geht erfreulicherweise weiter. Mit dem „Erfolgsroman“ sind wir in den frühen Neunzigern angelangt und erinnern uns nicht immer gern zurück: Erster Golfkrieg, Attentate auf Lafontaine und Schäuble, Vereinigungsfeiern und erster Frust im Osten – früher war auch nicht alles besser.

Immerhin: Martin Schlosser, Henschels Alter Ego in seinen Romanen, etabliert sich allmählich als Autor. Regelmäßige Beiträge für verschiedene Zeitschriften sorgen für ein ausreichendes Einkommen und führen zu wichtigen Kontakten. So lernt der aufstrebende Schreiber die junge Kathrin Passig kennen (und lieben), trifft sich mit Max Goldt in Berlin und  zieht selbst wieder in die neue Hauptstadt um. Die Karriere als künftiger Starautor kann beginnen…

Der „Erfolgsroman“ ist nun schon der achte Streich um Martin Schlosser und Langeweile will nicht eintreten. Wieder einmal werden Werbesprüche, Lokalnachrichten, Fernsehbeiträge und andere Fundstücke mit den privaten Schlosser-Abenteuern kombiniert und ergeben so eine etwas andere Geschichte des neuvereinten Landes.

LaubengängeGerhard Henschel ist ja ein umtriebiger Zeitgenosse, der sich offensichtlich bester Gesundheit erfreut. Jedenfalls reichte die Puste, um gemeinsam mit seinem Fotografen Gerhard Kromschröder auf Wanderschaft zu gehen. Die beiden Gerhards „rissen“ gut 300 Kilometer ab und besuchten die Heimatregion des großen Wilhelm Busch. Von dessen Geburtsort Wiedensahl bei Hannover bis nach Mechtershausen am Harz, wo er seine letzten Lebensjahre verbrachte, ging die Tour.

Herausgekommen ist mit „Laubengänge“ das Porträt einer eigenwilligen Gegend voller Widersprüche: Einerseits von Landflucht geplagt, andererseits prosperierend dank florierender Gewerbegebiete.

Henschels geistreiche Texte porträtieren Busch als echten Sohn seiner Heimat, der viel Selbsterlebtes in seine Werke einfließen ließ. Kromschröder steuert Aufnahmen von abseitiger Schönheit bei, welche diesen Bildband zu einem wahren Augenschmaus machen. Suchen Sie noch nach einem besonderen Geschenk zu Weihnachten, so sollten Sie nicht zögern – Busch, Henschel und Kromschröder sind als veritables Dreigestirn einfach unwiderstehlich.

Henschel, Gerhard: Erfolgsroman (Hoffmann und Campe) 26€

Henschel/Kromschröder: Laubengänge (Edition Temmen) 24,90€

Jörn Leonhard

Der überforderte FriedenIm November 1918 war die Welt im Aufruhr: Am neunten des Monats wurde in Berlin die Republik ausgerufen, der Kaiser zur Abdankung und ins Exil gezwungen, zwei Tage später beendete der Waffenstillstand den Ersten Weltkrieg. In seinem meisterhaften Buch „Der überforderte Frieden“ beschreibt der Freiburger Historiker Jörn Leonhard, was  sich abspielte in der Zeit zwischen 1918 und 1923, als auch noch das Osmanische Reich zusammenbrach und die moderne Türkei begründet wurde. Wie ist der Versailler Vertrag zu bewerten, was genau führte zu der fragilen weltpolitischen Gemengelage der Zwanziger Jahre, die spätestens mit der Weltwirtschaftskrise ins Wanken geriet?

Für Leonhard ist der monumentale Erste Weltkrieg mit seinen Folgen entscheidend für die späteren Entwicklungen. Das führt zu Neubewertungen: Leonhard betont die fatale Rolle der kaiserlichen Militärs, die noch im Sommer 1918 alles auf Sieg gesetzt hatten und, als der nicht mehr möglich war, verantwortungslos die demokratischen Politiker vorschoben, um vom eigenen Versagen abzulenken. Eine ehrliche Auseinandersetzung mit dem Ersten Weltkrieg fand hierzulande (aber auch in den meisten anderen beteiligten Ländern) nicht statt, viele Deutsche wollten die überraschende Niederlage nicht wahrhaben und lehnten auch deshalb die parlamentarische Demokratie von Weimar ab.

England und Frankreich waren erschöpft aus dem Krieg herausgegangen, sie stellten hohe Forderungen an die Kriegsverlierer, um die eigene wankende Rolle als Kolonialmacht zu verteidigen. In Afrika und Asien träumten viele vergeblich von der Unabhängigkeit, während in Europa die neugeschaffenen Demokratien mit immensen wirtschaftlichen und sozialen Problemen zu kämpfen hatten.

Leonhard ist ein souveräner Erzähler, der die globale Perspektive immer im Blick hat und mithilfe von Tagebüchern und Briefen Künstler, Politiker und andere Zeitzeugen zu Wort kommen lässt.

Der überforderte Frieden“ ist getrost als neues Standardwerk über die dramatischen Jahre zwischen 1918 und 1923 zu bezeichnen und gerade in den wirren politischen Verhältnissen unserer Tage eine anregende und nachdenklich stimmende Lektüre.

Leonhard, Jörn: Der überforderte Frieden (C.H. Beck) 39,95€

Georges Simenon

Der Schnee war schmutzigEs gibt doch noch gute Nachrichten auf der Welt: Georges Simenon ist nun endlich wieder auf Deutsch lieferbar. Zwei Verlage teilen sich das Mammutprojekt: Der neu gegründete Kampa Verlag wird bis zum Herbst 2020 75 Maigret-Romane und 28 Maigret-Erzählungen herausbringen. Bei Hoffmann und Campe und Kampa erscheinen die Non-Maigrets  in zum Teil neu übersetzten Ausgaben oder vollständig revidierten Übersetzungen.

Nun liegen die ersten Bände der Edition vor und lassen jeden Simenon-Fan jubeln. Wie und vor allem warum sollte man sich nun dem Zauber des großen Meisters entziehen? Die Suchtgefahr ist bei dem belgischen Magier außerordentlich groß, aber glücklicherweise hat Simenon genügend (Lese-)Stoff für seine abhängigen Jünger hinterlassen.

Erfreulicherweise gibt es auch Neues zu entdecken: Als deutsche Erstausgabe ist „Das Rätsel der Maria Galanda“ erschienen. Hier ermittelt mit G 7 ein Vorläufer Maigrets. In vier Fällen operiert dieser Ermittler mit den roten Haaren und treibt sich dabei in Orten herum, die später Schauplätze für Maigret-Fälle werden sollten.

Chez KrullLiteraturgeschichtlich noch spannender sind die Non-Maigrets, mit denen der legendäre Pfeifenraucher das Genre des anspruchsvollen Literaturthrillers mitbegründete. Ich rate zu „Der Schnee war schmutzig“ sowie „Chez Krull„, die jetzt in Neuübersetzungen vorliegen. „Der Schnee war schmutzig“ ist die düstere Geschichte eines jungen Mannes, der aus Langeweile zum Mörder wird und damit sein Leben ruiniert. „Chez Krull“ wiederum handelt von einer nordfranzösischen Kneipe, die von deutschen Einwanderern geführt wird. Doch die Krulls werden von der örtlichen Gemeinschaft nicht akzeptiert und so nimmt das Unglück seinen Lauf. Nachworte von Daniel Kehlmann und Julian Barnes runden diese Neuausgaben ab und verdeutlichen die geniale Meisterschaft des großen Simenon, der lange Zeit als reiner Unterhaltungsautor wahrgenommen worden war. Ein großer Irrtum, wie die bahnbrechende Neuedition seiner Werke eindrucksvoll beweist.

 

 

Tom Rachman

Die GesichterKünstlerromane bilden ein eigenes Genre und können einen Reiz entfalten, der einen so schnell nicht loslässt. Ich denke da zum Beispiel an „In Boston“ von Russell Greenan, der 1968 erstmals erschienen ist und wahrlich abgründige Künstler porträtiert.

Das Personal in Tom RachmansDie Gesichter“ kann sich ebenfalls sehen lassen. Held des Romans ist Pinch, der Sohn des berühmten Malers Bear Bavinsky. Letzterer ist eine imposante Erscheinung: Der unverbesserliche Egozentriker wird 17 (!) Kinder in die Welt setzen und dabei zahlreiche Frauen ins Unglück stürzen. Auch Pinchs Mutter, die selbst Künstlerin ist, geht beschädigt aus der Beziehung hervor.

Für den vaterlos aufwachsenden Pinch wird Bear zu einer Sehnsuchtsfigur – und zum Vorbild, will er doch ebenfalls Maler werden. Doch die Wege des Bear Bavinsky sind unergründlich und Pinchs Leben nimmt einen ganz anderen Verlauf…

Rachmans Roman gewährt einen intimen Blick in die Gedankenwelten der Künstler, zu denen auch Pinch gehört. Dieser ist ein tragischer Held, der sich lebenslang an einem übergroßen Vaterbild abarbeitet und dennoch nicht aus dem väterlichen Schatten herauskommt.

Gelungen sind auch die Schilderungen des Kunstmarktes, in dem ganz eigene Gesetze gelten und oft seltsame Gestalten dominieren. Auch Bear Bavinsky ist ein Dominator, und die Szenen mit diesem außerordentlichen Egomanen sind die stärksten in einem Buch, das einen bis zum Schluss gefangen nimmt.

Leider wird man in keinem Museum der Welt einen Bavinsky zu Gesicht bekommen – dafür haben wir aber immerhin diesen überzeugenden Künstlerroman, den ich nur wärmstens empfehlen kann.

Rachman, Tom: Die Gesichter (dtv) 22€

Virginie Despentes

Das Leben des Vernon Subutex 3Virginie Despentes hat mit ihrer Trilogie um Vernon Subutex, deren dritter Teil nun erschienen ist, ein funkelndes Meisterwerk vorgelegt. In hohem Tempo treibt sie ihr seltsames Personal durch Paris und hat dabei auch die Zeitgeschichte im Blick, denn in Teil drei spielen die Anschläge von November 2015 eine entscheidende Rolle.

Die Despentes entwirft eine schonungslose Analyse der französischen Gesellschaft, ohne ihre unterschiedlichen Figuren jemals bloßzustellen. Der Held des Ganzen ist der ehemalige Plattenladenbesitzer Vernon Subutex. Dank der Segnungen der digitalen Welt in die Pleite und schließlich auf die Straße getrieben, findet der Obdachlose wieder zu sich selbst – und wird zum allseits angehimmelten Star für eine bunte Reihe von Künstlern und Tagträumern.

Diese scharen sich geradezu um den Musikfachmann (der auch als DJ auftritt) und verfolgen nebenbei ihre verschiedenen Operationen. Ob ehemalige Pornodarstellerin oder cholerischer Drehbuchautor, ob finsterer Unternehmer oder drogensüchtiger Popstar – Subutex besitzt eine geheimnisvolle Aura, die unwiderstehlich ist. Doch dann explodieren die Bomben und verändern Paris für immer…

Virginie Despentes‘ fulminanter Dreiteiler hält einen bis zum Schluss in Atem. Hier geht es rabiat und rasant zu – Leben auf der Überholspur und nur ein Vernon Subutex kann für Augenblicke der Ruhe sorgen.

Übrigens ist auch die feministische „King Kong Theorie“ der Despentes wieder lieferbar. Da erfährt man so einiges über eine Autorin, die eindeutig Stellung bezieht und sich gerne einmischt. „Vernon Subutex“ ist derweil schon jetzt ein Klassiker und wird sogar mit der „Menschlichen Komödie“ von Balzac verglichen. Das geht mir dann doch zu weit, aber der große Kaffeeliebhaber würde, lebte er noch unter uns, diese außerordentliche Romantrilogie mit Genuss verschlingen.

Despentes, Virginie: Das Leben des Vernon Subutex 1 (KiWi) 12€

Despentes, Virginie: Das Leben des Vernon Subutex 2 (KiWi) 22€

Despentes, Virginie: Das Leben des Vernon Subutex 3 (KiWi) 22€

John Connolly

StanIch gebe es gerne zu: Ist bei mir mal die Laune im Keller, dann greife ich zu einer DVD mit Laurel und Hardy-Kurzfilmen – und die Welt ist wieder schön. Die beiden Großmeister der absurden Zerstörungskomik sind längst in den Olymp der Filmgrößen eingefahren, doch die wahre Geschichte der beiden Freunde blieb bislang unerzählt. John Connolly hat sich mit „Stan“ der Sache angenommen und einen wunderbaren biographischen Roman vorgelegt.

Santa Monica (Kalifornien), Anfang der Sechziger Jahre: Stan Laurel blickt zurück auf seine Lebensgeschichte und erinnert sich an die wilden Jahre in Hollywood. Der gebürtige Engländer war einst mit einer Komikertruppe nach Amerika gekommen und hatte mit Charlie Chaplin so manches Hotelzimmer geteilt.

Dick & Doof Collection 1Genau wie sein berühmter Kollege sollte Stan zur Filmlegende werden, doch der Weg dahin war steinig : Erst im Zusammenspiel mit seinem Partner Oliver Hardy konnte Laurel seine aberwitzigen Gag-Ideen optimal umsetzen. Doch war das Leben in Hollywood nicht ohne: Traumatische Scheidungen, Alkoholprobleme und Auseinandersetzungen mit dem Produzenten Hal Roach sollten folgen. Laurel musste um seine Filme kämpfen – doch der Einsatz machte sich bezahlt…

Connollys kenntnisreicher Roman überzeugt nicht nur als stimmiges Porträt des frühen Hollywood, sondern rückt den lange Zeit unterschätzten Oliver Hardy ins rechte Licht. Ohne die geniale Schauspielkunst des liebenswerten Schwergewichts hätten die irrsinnigen Laurel-Gags niemals „zünden“ können.

Und so ist „Stan“ nicht nur die einfühlsame Biographie des Komikgenies Laurel, sondern auch die Geschichte einer wunderbaren Freundschaft. Erst als Duo konnten die beiden glänzen und gemeinsam in die Filmgeschichte eingehen.

Und hier verrate ich noch meine Lieblingsfilme aus dem Hause Laurel & Hardy: „Das Zerlegen von Kleinwagen„, „Der zermürbende Klaviertransport“, „Die Wüstensöhne“ und „Selige Campingfreuden„.

Connolly, John: Stan (Rowohlt) 24€