Neue Taschenbücher

Haben Sie noch Spielraum in Ihrem Osterkorb? Für diese „frischen“ Taschenbücher sollte doch noch das eine oder andere Plätzchen zu finden sein.

Der Mann, der Verlorenes wiederfindet  Hain  Hotel Laguna

Passend zu Ostern erscheint Michael Köhlmeiers Novelle „Der Mann, der Verlorenes wiederfindet“ bei dtv. Sie handelt von den letzten Stunden im Leben des Wanderpredigers Antonius, der anno 1231 auf dem Weg nach Padua stirbt. Köhlmeier untersucht hier das Wechselspiel zwischen Biographie und Religiosität auf höchst sensible Weise.

Auch Esther Kinsky begibt sich mit „Hain“ nach Italien: Die Reise dorthin ist für die Ich-Erzählerin unter anderem eine Form der Trauerbewältigung nach dem Tod ihres Lebenspartners.

Alexander Gorkow dagegen reist in „Hotel Laguna“ noch einmal nach Mallorca, wo er einst regelmäßig mit seiner Familie den Sommerurlaub verbrachte. Sein Erinnerungsbuch ist nicht nur eine kundige Spurensuche, sondern auch eine oft sehr komische Familiengeschichte.

Ein Vorhang aus Grün  Troubles  Ein Tag im Sommer

In den USA zählt Eudora Welty (1909-2001) zu den herausragenden Autorinnen ihrer Generation, hierzulande ist sie noch zu entdecken. „Ein Vorhang aus Grün“ versammelt 20 Erzählungen vorwiegend aus den Vierziger Jahren, welche die  scharfe Beobachtungsgabe und eigenartige Komik der Welty beweisen.

Und erfreulicherweise ist das überragend komische  Meisterwerk „Troubles“ von James Gordon Farrell nun auch als handliches Taschenbuch lieferbar: Der Niedergang des Empire wird hier symbolisch durchexerziert anhand der Geschichte des Majestic. Dieses an der irischen Ostküste gelegene Luxushotel hat schon bessere Tage gesehen – und 1919 kündigen sich die irischen Unruhen an.

Der wundervolle J.L. Carr ist nun auch mit seinem Romandebüt aus dem Jahr 1963 zu entdecken: „Ein Tag im Sommer“ führt in das beschauliche Provinznest Great Minden, wo sich die Lebensläufe unterschiedlicher Protagonisten auf überraschende Weise kreuzen.

Der Tod in den stillen Winkeln des Lebens  Verrat  64

Im Krimibereich ist der preisgekrönte Roman „Der Tod in den stillen Winkeln des Lebens “ von Oliver Bottini zu nennen: Der Mord an einem jungen Mädchen in Temeswar führt den ermittelnden Kommissar an seine Grenzen und wirft ein Schlaglicht auf die rumänische Geschichte der letzten Jahrzehnte.

Um die irische Geschichte geht es in „Verrat“ von Nicholas Searle: Francis O’Neill tötet im Auftrag der IRA. Doch der aufrechte Kämpfer beginnt zu zweifeln: Macht das unaufhörliche Töten überhaupt noch Sinn? Searle seziert hier messerscharf die Abgründe der irischen „Troubles“.

Und schließlich führt uns „64“ von Hideo Yokoyama nach Japan: Dort erregte im Jahre 1989 der (wahre) Mord an einer entführten Siebenjährigen die Gesellschaft. Als Jahre später ein weiteres Mädchen verschwindet, erhält der einstige Kriminalfall eine erschreckende Aktualität.

War etwas für Sie dabei? In jedem Fall wünsche ich frohe Ostern und geruhsame Feiertage.

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Tim Blanning

Friedrich der GroßeWar Friedrich der II. von Preußen wirklich groß? Dieser Frage geht der englische Historiker Tim Blanning in seiner neuer Biographie nach und findet erstaunliche Antworten.

Gemeinhin gilt ja der legendäre Hohenzoller als derjenige, welcher seinen Staat auf die politische Weltkarte erst gebracht hat durch die Erfolge seiner Kriegsführung. Allerdings hatte er dabei auch Glück und profitierte von außenpolitischen Faktoren, die ihm in die Karten spielten. Friedrich war auch mitnichten ein begnadeter Kriegsherr, vielmehr brachte er sich durch Übermut und Ungeduld oft selbst in die Bredouille. Doch profitierte er immer wieder von der Professionalität seiner Armee, auf die er sich in kritischen Momenten verlassen konnte.

Das Besondere an Friedrich dem II.: Er mischte sich immer wieder in die Tagespolitik ein, informierte sich vor Ort über den jeweiligen Stand der Verwaltung und mahnte (wo nötig) Verbesserungen an. Auch öffnete er sein Land für Flüchtlinge jeder Konfession. Doch geschah dies nicht aus reiner Menschenliebe: Friedrich strebte danach, die Bevölkerungszahl seines Staates hochzuschrauben.

Friedrich erscheint in Blannings Biographie als durchaus widersprüchlicher Charakter. In der Öffentlichkeit lebte er eine asketische Lebensweise vor, frönte aber hemmungslos dem Luxus (seine Schnupftabakdosensammlung war legendär). Der Militärfreund war ein begabter Flötist und Komponist, sah sich als Philosoph und Dichterfreund und förderte die Künste.

War Friedrich wirklich groß? Lesen Sie die großartige neue Biographie und entscheiden Sie selbst!

Blanning, Tim: Friedrich der Große (C.H. Beck) 34€

 

 

Frank Bösch

Zeitenwende 1979War das Jahr 1979 so epochal wie 1968 oder 1989? Diese These sucht der Potsdamer Historiker Frank Bösch in seinem Buch „Zeitenwende 1979“ zu belegen.

Dabei kann er eine Vielzahl wichtiger Ereignisse des Jahres auflisten: Im Iran wurde der Schah gestürzt, die Sowjetunion fiel in Afghanistan ein und eine schwere Ölkrise stürzte die Weltwirtschaft in Turbulenzen. Der AKW-Unfall bei Harrisburg trieb die Anti-Atomkraft-Bewegung auf die Straßen, während vietnamesische „Boat-People“ für Schlagzeilen sorgten und (zunächst) internationale Solidarität erfuhren.

Kurioserweise traten vier Figuren auf die weltpolitische Bühne, die (auf den ersten Blick) nicht unterschiedlicher sein konnten: Margaret Thatcher, Ajatollah Khomeini, Papst Johannes Paul der II. und Deng Xiaoping. Doch gab es Parallelen in den Lebensläufen: Alle vier waren als politische Außenseiter gestartet, galten als strukturell konservativ und trotzdem reformfreudig, was sie schnell zeigen sollten.

In der Bundesrepublik gründeten sich die Grünen, während Neoliberale in der FDP an Einfluss gewannen. Die Ausstrahlung der amerikanischen Serie „Holocaust“ bewegte die Fernsehnation – und sorgte für eine neue Auseinandersetzung mit den nationalsozialistischen Verbrechen. Die sandinistische Revolution in Nicaragua wiederum begeisterte sowohl West- als auch Ostdeutsche und führte zu einem Strom freiwilliger Hilfskräfte, die sich als Kaffeepflücker und Aufbauhelfer betätigten.

Zeitenwende 1979“ überzeugt als faktenreiche Analyse eines ereignisreichen Jahres, das politische Ereignisse hervorbrachte, deren Folgen bis in die Gegenwart hineinreichen.

Bösch, Frank: Zeitenwende 1979 (C.H. Beck) 28€

 

Maria Semple

Ab heute wird alles andersEleanor Floods Leben ist etwas chaotisch. Das könnte an der Selbstorganisation der Endvierzigerin liegen – es geht bei ihr drunter und drüber. Und so nimmt sie sich wieder einmal vor, ihr Leben zu ändern: „Ab heute wird alles anders.

Maria Semples gleichnamiger Roman führt uns mitten hinein in die turbulente Welt  Eleanors, die scheinbar eine normale Künstlerexistenz in Seattle führt: Ihr Mann Joe ist ein angesehener Arzt, der gemeinsame Sohn Timby ein Schatz und  Hund Yo-Yo der Ruhepol des Ganzen. Doch dann kommt es dicke: Timby hat (angeblich) Bauchschmerzen, Joe ist nicht aufzufinden und ein ehemaliger Arbeitskollege Eleanors sucht Anschluss. Und unsere Heldin wird mit den Untiefen der eigenen Familiengeschichte, die sie eigentlich erfolgreich verdrängt hatte, konfrontiert…

Maria Semples feiner Roman ist ein wahres Feuerwerk der Komik. Das liegt vor allem an der neurotischen Eleanor, die einen schon in den Wahnsinn hineintreiben kann mit ihrer exzentrischen Überdrehtheit. Sie schafft es immer wieder, schlimme Dinge noch viel schlimmer zu machen und andere Leute erfolgreich in ihren alltäglichen Wahnsinn hineinzuziehen.

Wer Situationskomik und pfiffige Dialoge zu schätzen weiß, der liegt hier richtig. Es geht hier aber nicht albern oder niveaulos zu: Auch Abgründiges wird nicht verschwiegen und Eleanors schwierige Kindheit erklärt so manche Exaltiertheit unserer Heldin.

Es sollte niemanden überraschen, dass sich Hollywood die Filmrechte gesichert hat, Julia Roberts wird die Hauptrolle übernehmen (hoffentlich geht das gut). Für die Augenmenschen unter uns hat aber auch die Buchausgabe etwas zu bieten: Mehrere Illustrationen verschiedener Zeichner zeigen Stationen aus Eleanors Leben und lockern einen eh schon kurzweiligen Roman noch zusätzlich auf. Was will man mehr?

Semple, Maria: Ab heute wird alles anders (btb) 10€

Julian Barnes

Die einzige GeschichteIn diesem Jahr wird der Literaturnobelpreis gleich zweimal vergeben, u. a. für das längst zurückliegende Jahr 2018. Man kann durchaus darüber streiten, ob diese Entscheidung sinnvoll ist, wird dadurch doch ein Literaturpreis 1b installiert. Doch sollte man nicht oberkritisch daherkommen – die Zukunft des wichtigsten Literaturpreises scheint gesichert, und das ist eine gute Nachricht.

Falls die höchst ehrenwerte Nobelpreisakademie nach würdigen Kandidaten suchen sollte, so hätte ich einen Vorschlag: Julian Barnes wäre ein würdiger Preisträger. Seine  Meisterschaft zeigt sich im jüngst erschienenen Roman „Die einzige Geschichte„: Barnes lässt hier Paul auf seine ungewöhnlichen Affäre mit Susan zurückblicken. Der junge Jurastudent lernt die fast zwanzig Jahre Ältere im Tennisklub kennen – und verliebt sich unsterblich. Da sich das Ganze Anfang der 60er Jahre abspielt und Susan verheiratet ist, schwant man Böses. Und tatsächlich: Susan und Paul müssen einige Prüfungen bestehen, um den gemeinsamen Weg einzuschlagen…

Mit feiner Ironie und genauer Beobachtungsgabe führt uns Barnes in das erstarrte England der frühen 60er, als sexuelle Revolutionen und andere Dinge noch unvorstellbar waren. Doch geht es auch um Themen wie das Tückische der Erinnerung, die Romantik der ersten Liebe, das Geheimnis gegenseitiger Anziehung und die Frage, wie weit die Verantwortung füreinander zu gehen hat.

Dieser lebenskluge, elegant erzählte Roman zeigt Julian Barnes auf der Höhe seines Schaffens. Wäre es nicht sinnvoll, diesen Weltbürger im Jahre des Brexit mit einem nicht unbedeutenden Preis zu ehren? Meine Stimme hätte er gewiss.

Barnes, Julian: Die einzige Geschichte (Kiepenheuer & Witsch) 22€

Neue Taschenbücher

Theresia Enzensbergers Debütroman „Blaupause“ führt mitten hinein in die goldenen Jahre des Bauhauses: Die junge Studentin Luise Schilling möchte Architektin werden und stößt in Weimar und Dessau auf die großen Namen der Bewegung. Doch politische und private Ereignisse stellen sich ihr in den Weg …

BlaupauseLiebwiesBeale Street BluesSturm und Stille

 

 

 

 

 

Auch „Liebwies“ von Irene Diwiak ist ein Debütroman: Die schwarzhumorige Musiksatire spielt im Österreich der 20er Jahre und porträtiert u. a. eine Opernsängerin, die keinesfalls singen kann.

James Baldwin ist ein Autor, der hierzulande lange in Vergessenheit geraten war. Bei dtv wird sein Werk in liebevollen Neuübersetzungen verlegt: „Beale Street Blues“ , 1974 im Original erschienen, ist die kraftvoll erzählte Liebesgeschichte von Tish und Fonny, die durch das gnadenlose Justizsystem Amerikas voneinander getrennt werden.

Ein weiterer Klassiker ist Theodor Storm, dessen Liebesbeziehung zu Doris Jensen im Mittelpunkt von Jochen Missfeldts biographischem Roman „Sturm und Stille“ steht. Stimmungsvoll tauchen wir hier ein ins Husum des 19. Jahrhunderts mit all seiner Begrenztheit und Rückständigkeit.

Keiner Menschenseele kann man noch trauenDie GerechteAlles, was du fürchtestTrue Crime

 

 

 

 

 

Und die nicht minder klassische Flannery O’Connor ist nun wieder zu entdecken: „Keiner Menschenseele kann man noch trauen“ versammelt zehn Erzählungen, die sich zu einem markanten Porträt der amerikanischen Südstaaten fügen.

Im Krimibereich führt kein Weg an Peter Swanson vorbei: „Die Gerechte“ ist ein herrlich fieses Ehe- und Rachedrama, das in der Upper Class der amerikanischen Ostküste spielt. „Alles was du fürchtest“ spielt in Boston, wo die junge Engländerin Kate Priddy einige unerfreuliche Abenteuer zu überstehen hat. Und Sam Millars autobiographischer Politthriller „True Crime“ beginnt mit den nordirischen Troubles der 60er und 70er Jahre, um dann in einen aberwitzigen Raubüberfall in Amerika zu münden.

A. L. Kennedy

Süßer ErnstAngesichts des unausweichlichen Brexit-Dramas fragt sich der gemeine Kontinentaleuropäer, wie man mit der verflixten Situation angemessen umgehen sollte. Man kann natürlich interessiert den Debatten im Londoner Unterhaus lauschen und aus dem Staunen nicht mehr herauskommen. Man kann sich aber auch dem letzten Roman der großartigen A. L. Kennedy zuwenden und dort ungleich mehr Scharfsinn und Weisheit vorfinden.

Dabei ist „Süßer Ernst“ natürlich kein Brexit-Roman, da schon 2016 im Original erschienen und also vor der ominösen Abstimmung entstanden. Dennoch legt die Kennedy hier eine Analyse des heutigen England vor, welche sich gewaschen hat: Sie schildert 24 Stunden im Leben zweier Londoner, die sich mehr stolpernd denn gradlinig aufeinander zu bewegen.

Meg ist eine trockene Alkoholikerin, die mehrere Schicksalsschläge hinter sich hat und nun in Teilzeit für ein Tierheim arbeitet.  Als sie auf die Anzeige eines Unbekannten antwortet, der an Frauen gerichtete Liebesbriefe verschickt, gerät ihre eintönige Welt gehörig aus den Fugen. Derweil hadert Jon, der mysteriöse Briefeschreiber, mit seiner Existenz als Staatsbeamter. Zudem hat ihn seine Frau verlassen – der Einsame greift zur Feder und findet in Meg die ideale Brieffreundin. Doch werden die beiden auch wirklich zusammenkommen?

A. L. KennedyEs ist mitreißend, wie A. L. Kennedy ihre Geschichte vorantreibt und quasi nebenbei ein Panorama des heutigen England entwirft. Höchst unsympathische Figuren aus Politik und Journalismus versuchen auch in diesem Roman, ihre durchtriebenen Intrigen zu spinnen. Doch sind die bewegenden Schilderungen zweier beschädigter Seelen mit Ecken und Kanten die eigentlichen Höhepunkte eines Romans, der A. L. Kennedy auf der Höhe ihres Schaffens zeigt.

Kennedy, A.L.: Süßer Ernst (Hanser Verlag) 28€

Foto: © Peter-Andreas Hassiepen